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Full text : Musikalische Instrumente, Wiener Weltausstellung Heft 12

574  Gruppe  XY.  Musikalische  Instrumente.
vertreten  wurden.  Eine  Verbindung  bahnte  A.  Sebastian  Erard
nach  dem  Jahre  1796  an,  wo  er  von  England  nach  Paris  zurückkehrte-,
und  errang  endlich  mit  einer  noch  jetzt  auf  den  Ausstellungen  figurirenden
  Verbesserung  den  glänzendsten  Sieg.
Nachdem  Seb.  Erard,  dieser  in  Strassburg  am  5.  April  1752  geborene ­
  und  später  nach  Paris  ausgewanderte  Deutsche  das  „Clavecin
mecanique“  1768  erfunden,  oder  streng  genommen  das  schon  1758  erfundene ­
  Piano  vis  ä  vis  von  dem  Deutschen  Stein  nachgeahmt,  sein
erstes  I  ortepiano  im  Palaste  der  Herzogin  Madame  de  Villeroy  construirt,
  1785  von  Louis  XVI.  ein  Patent  auf  ungehinderte  Ausübung
seines  Faches  erhalten,  für  die  Königin  Marie  Antoinette  ein  mit  der
Orgel  verbundenes  Piano  mit  zwei  Claviaturen,  die  eine  für  das  Piano,
die  andere  für  die  Orgel  gefertigt,  sein  Echappement  nach  englischem
Muster  an  der  Hammermechanik  1794  angebracht  hatte,  trat  er  auf
der  Pariser  Ausstellung  im  Jahre  1823  mit  seinem  Double-Echappement
hervor.  Dasselbe  bietet  den  Vortheil,  dass  der  Hammer  nach  Anschlag
und  Auslösung  nicht  ganz  wieder  in  die  Lage  seiner  Ruhe  zurückfällt,
sondern  dass  ihn,  während  des  Niederhaltens  der  Taste  eine  zweite
Stosszunge  aufnimmt  und  er  dann  in  solcher  Stellung  die  Elasticität
besitzt,  sogleich  wieder  an  die  Saite  zu  schlagen,  wenn  der  Fingerdruck
auf  die  Taste  auch  in  ganz  zarter  Weise  erneuert  wird.  Nachdem  ferner ­
  Sebastian  Erard  im  Jahre  1809  bereits  seine  Agraffenconstruction
  zur  Freilegung  der  Saiten  erfunden,  dachte  der  Neffe  Pierre
Erard  daran,  dieses  System  wesentlich  zu  verbessern.
Er  erfand  nach  langem  Nachdenken  zur  Unterstützung  der  Klangschönheit ­
  im  Jahre  1838  die  „Barre  harmonique“,  deren  Lage  auf  den
Discantsaiten  der  höheren  Tonregionen  ein  richtiges  Verhältniss  zur
Mitte  und  zum  Basse  des  Instrumentes  ermöglichte.
Die  von  ihm  gebrauchten,  von  seinem  Onkel  erfundenen  Agraffen
und  die  vorerwähnten  Vorrichtungen  bilden  auch  noch  in  der  neuesten
Zeit  das  Fundament  des  englisch-französischen  Mechanismus  und  waren
auf  der  Pariser  Ausstellung  1867  sowie  auf  der  Wiener  1873  mitGlück
reichlich  vertreten.
In  der  ersten  Hälfte  des  19.  Jahrhunderts  waren  also  aus  der
ursprünglichen  Erfindung  Schröter’s,  welcher  die  Hammermechanik
mit  Anschlag  von  unten  und  mit  Anschlag  von  oben  an  die  Saiten
erfand,  drei  Hauptconstructionen  hervorgegangen,  nämlich  die  deutsche
oder  besser  sogenannte  Wiener,  die  englische  und  englisch-französische.
  In  Wien  vertrat  nach  dem  Vorgänge  des  Augsburgers
Stein  hauptsächlich  Streicher  die  deutsche,  in  London  Broadwood
  die  englische  und  in  Paris  Sebastian  Erard  und  Pierre
Erard  die  englisch-französische  Mechanik  !).  Letztere  war
J )  Im  Jahre  1732  brachte  der  Schweizer  Burkhard  Tschudi,  welcher
in  Deutschland  lange  Zeit  gearbeitet  hatte,  die  Hammermechanik  nach  Eng-
            
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