MAK

Full text: Musikalische Instrumente, Wiener Weltausstellung Heft 12

Section I. Tasteninstrumente. 
575 
allerdings nur eine theil weise Veränderung des englischen Mechanis 
mus, weshalb der Vater des modernen Clavierspiels, J.Nep. Hummel, 
wohl mit Recht sagen konnte: „Es liegen bei dem Pianoforte über 
haupt zweierlei Mechanismen zu Grunde: der deutsche (sogenannte 
Wiener), der sich mit Leichtigkeit, und der englische, der sich minder 
leicht behandeln lässt; die übrigen sind Zusammensetzungen beider 
Arten oder nur theilweise Veränderungen derselben. Es ist nicht zu 
leugnen, dass jeder dieser beiden Mechanismen seine eigenen Vorzüge 
hat. Der Wiener lässt von den zartesten Händen sich leicht behan 
deln. Er erlaubt dem Spieler, seinem Vortrage alle möglichen Nüan- 
cen zu geben, spricht deutlich und prompt an, hat einen runden, flöten 
artigen Ton, der sich besonders in grossen Localen von dem accompag- 
nirenden Orchester gut unterscheidet, und erschwert die Geläufigkeit 
nicht durch eine zu grosse Anstrengung. Diese Pianoforte sind auch 
dauerhaft und beinahe im halben Preise der englischen. Diese Instru 
mente wollen daher auch nach ihren Eigenschaften behandelt sein; 
sie erlauben weder ein heftiges Anstossen und Klopfen der Tasten mit 
ganzer Schwere des Armes, noch einen schwerfälligen Anschlag; die 
Kraft des Tones muss allein durch die Schnellkraft der Finger hervor 
gebracht werden. Volle Accorde werden z. B. meist ganz rasch gebro 
chen vorgetragen und wirken soweit mehr, als wenn die Töne zusam 
men auf einmal noch so stark angeschlagen werden. Für Männerhände 
wähle man aber solche deutsche Instrumente, die nicht zu seicht oder, 
wie man auch sagt, zu flach im Anschläge sind. Dem englischen Mecha 
nismus muss man wegen seiner Dauerhaftigkeit und Fülle des Tones 
allerdings Recht widerfahren lassen. Diese Instrumente gestatten 
jedoch nicht den Grad von Fertigkeit, wie die Wiener, indem sich der 
Anschlag der Tasten bedeutend gewichtiger anfühlt, sie auch viel tie 
fer fallen und daher die Auslösung der Hämmer bei wiederholtem 
Tonanschlage nicht so schnell erfolgen kann. Wer an solche Instru 
mente noch nicht gewöhnt ist, lasse sich durch das Tieffallen der 
Claves und durch den schweren Anschlag der Tasten keineswegs stören: 
nur übernehme er sich nicht im Tempo und spiele alle geschwinden 
Sätze und Rouladen durchaus mit der gewöhnlichen Leichtigkeit; 
auch die kräftig vorzutragenden Stellen und Passagen müssen, wie bei 
den deutschen Instrumenten, durch die Kraft der Finger, nicht aber 
durch die Schwerkraft des Armes hervorgebracht werden; denn man 
gewinnt durch heftiges Schlagen, da dieser Mechanismus nicht zu so 
vielfachen Tonabstufungen wie der unserige geeignet ist, keinen stärkeren 
land; aber erst durch den Deutschen Zumpe wurden die sogenannten Piano- 
fortes in England 1760 eingeführt, wonach der Deutsche Becker 1766 die 
Hammermechanik auf die Harpsichords übertrug. Dieser letztere führte das 
neue System auch in Amerika ein. Von Deutschland und Oesterreich ist 
also alles Bedeutende im Pianofortebau ausgegangen.
	        
Waiting...

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.