Section I. Tasteninstrumente.
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allerdings nur eine theil weise Veränderung des englischen Mechanis
mus, weshalb der Vater des modernen Clavierspiels, J.Nep. Hummel,
wohl mit Recht sagen konnte: „Es liegen bei dem Pianoforte über
haupt zweierlei Mechanismen zu Grunde: der deutsche (sogenannte
Wiener), der sich mit Leichtigkeit, und der englische, der sich minder
leicht behandeln lässt; die übrigen sind Zusammensetzungen beider
Arten oder nur theilweise Veränderungen derselben. Es ist nicht zu
leugnen, dass jeder dieser beiden Mechanismen seine eigenen Vorzüge
hat. Der Wiener lässt von den zartesten Händen sich leicht behan
deln. Er erlaubt dem Spieler, seinem Vortrage alle möglichen Nüan-
cen zu geben, spricht deutlich und prompt an, hat einen runden, flöten
artigen Ton, der sich besonders in grossen Localen von dem accompag-
nirenden Orchester gut unterscheidet, und erschwert die Geläufigkeit
nicht durch eine zu grosse Anstrengung. Diese Pianoforte sind auch
dauerhaft und beinahe im halben Preise der englischen. Diese Instru
mente wollen daher auch nach ihren Eigenschaften behandelt sein;
sie erlauben weder ein heftiges Anstossen und Klopfen der Tasten mit
ganzer Schwere des Armes, noch einen schwerfälligen Anschlag; die
Kraft des Tones muss allein durch die Schnellkraft der Finger hervor
gebracht werden. Volle Accorde werden z. B. meist ganz rasch gebro
chen vorgetragen und wirken soweit mehr, als wenn die Töne zusam
men auf einmal noch so stark angeschlagen werden. Für Männerhände
wähle man aber solche deutsche Instrumente, die nicht zu seicht oder,
wie man auch sagt, zu flach im Anschläge sind. Dem englischen Mecha
nismus muss man wegen seiner Dauerhaftigkeit und Fülle des Tones
allerdings Recht widerfahren lassen. Diese Instrumente gestatten
jedoch nicht den Grad von Fertigkeit, wie die Wiener, indem sich der
Anschlag der Tasten bedeutend gewichtiger anfühlt, sie auch viel tie
fer fallen und daher die Auslösung der Hämmer bei wiederholtem
Tonanschlage nicht so schnell erfolgen kann. Wer an solche Instru
mente noch nicht gewöhnt ist, lasse sich durch das Tieffallen der
Claves und durch den schweren Anschlag der Tasten keineswegs stören:
nur übernehme er sich nicht im Tempo und spiele alle geschwinden
Sätze und Rouladen durchaus mit der gewöhnlichen Leichtigkeit;
auch die kräftig vorzutragenden Stellen und Passagen müssen, wie bei
den deutschen Instrumenten, durch die Kraft der Finger, nicht aber
durch die Schwerkraft des Armes hervorgebracht werden; denn man
gewinnt durch heftiges Schlagen, da dieser Mechanismus nicht zu so
vielfachen Tonabstufungen wie der unserige geeignet ist, keinen stärkeren
land; aber erst durch den Deutschen Zumpe wurden die sogenannten Piano-
fortes in England 1760 eingeführt, wonach der Deutsche Becker 1766 die
Hammermechanik auf die Harpsichords übertrug. Dieser letztere führte das
neue System auch in Amerika ein. Von Deutschland und Oesterreich ist
also alles Bedeutende im Pianofortebau ausgegangen.