Section I. Tasteninstrumente. 577
überhaupt der gesammten Clavierfabrikation neue Bahnen eröffnet und
die deutsche Grösse im Pianofortebau hauptsächlich mit bewirkt hat.
Der deutsche Erfindungsgeist und die in der Praxis dargelegten Kennt
nisse Stein way’s haben so mächtig auf die Bauart der Instrumente
eingewirkt, dass man mit vollem Rechte behaupten kann, die in Paris 1867
nach vielen schweren Kämpfen zur Geltung gebrachten Constructionen
Steinway’s seien nachgeahmt und in Wien als allgemein unter den
Instrumentenbauern verbreitet zur höchsten Anerkennung gekommen ! ).
Da nun also auf der Wiener Weltausstellung 1873 bei den Fabrikaten
aller Länder die Steinway’sehen Systeme bald unverändert bald mit
geringfügigen Veränderungen zur Erscheinung kamen und so zu sagen
den gesammten Clavierbau beherrschten, da ferner von der Wissen
schaft diesen Systemen die vornehmste Stellung eingeräumt ist, so
haben wir auch die Pflicht dieselben näher zu betrachten und die
Gründe anzuführen, welche die Urheber zur Einführung ihrer Erfin
dungen bewogen haben.
Das kreuzsaitige System von Steinway wurde in der heftig
sten Weise angefeindet, bis sich die Ueberzeugung vollständig Bahn
brach, dass mit diesem allein weitere Fortschritte gemacht werden
könnten. Nun suchte man aber das Verdienst durch die Angabe her
abzudrücken, dass die Erfindung nicht von Steinway, sondern von
Lichtenthal in Petersburg herrühre, welcher Irrthum nur aus Un
bekanntschaft mit der Sache hervorging; denn in Wahrheit verhält
sich die Angelegenheit folgendermaassen: Die ersten von der Firma
Steinway &Söhne im Jahre 1856 gebaueten Flügel waren geradsaitige
Instrumente mit vollem Eisenrahmen, einem Discantstück aus Messing
oder Eisen und mit in Holz geschraubten Agraffen in den Mitteltönen
und im Bass^. Diese Flügel kamen in Aufnahme und erfreueten sich
der allgemeinsten Anerkennung, so dass sie sehr bald in Concerten
benutzt und in grosser Zahl verkauft wurden.
Die Firma erhielt dann mehrere Patente auf neue Mechanismen
für Flügel, auf den wichtigsten im December 1859.
Der complet gegossene Eisenrahmen mit dem Winkelstück auf
der Seite des Stimmstockes zur Aufnahme der Agraffen erhielt ein
ganz neues Arrangement in der Lage der Saiten und Spreizen, zu
welchem folgende Motive vorhanden waren:
*) Diese Thatsache wurde auch in der musikalischen Jury der Wiener
Weltausstellung besonders hervorgehoben, obgleich die Firma Steinway
keine Instrumente ausgestellt hatte, und in einer Gruppensitzung wurde so
gar beschlossen, in den Sectionsbericht folgenden Passus aufzunehmen: „Hin
sichtlich der amerikanischen Abtheilung ist sehr zu beklagen, dass die be
rühmte, bahnbrechende Firma Steinway & Söhne in Newyork, welcher
die gesammte Clavierfabrikation so viel zu verdanken hat, nicht vertreten
war.“
Wiener Weltausstellung. II.
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