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Gruppe XV. Musikalische Instrumente.
ihre Schwingungen. Dies ist jedoch nicht der Fall, wie auch dieHelm-
holtz sehen Analysen von den Wellensystemen genügend beweisen.
Denn so wenig dies neben einander liegende Saiten thun, ebenso wenig
geschieht es bei über einander liegenden.
Die ungünstigen Resultate, welche frühere Versuche dieser Art
hatten, lagen nur in einer falschen Anwendung, welche stets darauf
hinauslief, mittelst des Uebereinanderlegens der Saiten die Stege von
der Mitte des Resonanzbodens weg mehr an die Ränder desselben zu
bringen. Ferner wurden nothwendiger Weise durch diese falsche Con-
struction die Zwischenräume der Seitenchöre auf den Stegen verengt,
statt vergrössert. Wissenschaft und Praxis haben vollkommen erwie
sen, dass die transversale Schwingung der Saite als solche durchaus
keinen musikalischen Ton in der Luft erzeugt ; erst die Wirkung,
welche die in ihren Schwingungen molecular erregte Saite auf einen
resonanzfähigen Körper ausüht, bildet in diesem wiederum die molecu-
lare Schwingungsbewegung, die sich der umgebenden Luftsäule mit
theilt und so als Ton dem Ohre vernehmbar wird.
Je mehr die Saite an dem einen Ende unbeweglich feststeht, wie
es hier durch das massive eiserne Winkelstück im höchsten Grade
erreichbar wurde, desto mehr muss natürlich die ganze Wirkung auf
den elastischen Theil — den Resonanzboden — fallen.
Während auf der Pariser Ausstellung 1867 Steinway die zeit
raubendsten und kostspieligsten Kämpfe zu bestehen hatte, erschien
auf der V iener Ausstellung 1873 Alles veraltet und im Werth gerin
ger, was von den neuen Errungenschaften desselben unberührt geblie
ben war. Die hervorragendsten Firmen, welchen Ehrendiplome zuer
kannt wurden, bewiesen durch ihre Bauart, dass ihnen das Stein
way'sehe System als Vorbild diente und dass sie nur bezüglich der
Mechanik zur Behandlung des Instrumentes zum Theil auch das
Erard’sche Muster nachahmen, zum Theil eigene Kräfte in Bewegung
setzen.
In der glänzendsten Weise war in der deutschen Abtheilung der
Fortschritt vertreten, wo nicht weniger als 64 Instrumente das kreuz-
saitige System besassen und gerade die vorzüglichsten Leistungen mit
demselben bewerkstelligt erschienen. Jedenfalls ist es für Deutschland
n i°ht unehrenvoll, dass von zwei Norddeutschen so wichtige Reform
bewegungen im Pianofortebau ausgegangen sind, die erste bewirkt
durch den Sachsen Christoph Gottlieb Schröter 1717, die zweite
durch den Braunschweiger Steinweg, welcher in Amerika die Mittel
fand, zur Ehre seines deutschen Vaterlandes zu wirken und seine Fa
brikation in der Weise emporzuheben, dass er, wie bereits bemerkt,
schon im Jahre 1867 auf der Pariser Ausstellung die glänzendsten
Siege errang. Da nun von Deutschland aus in alle Länder die Hammer
mechanik getragen worden ist, ferner die hervorragendsten Erfinder in