G43
Section II. Streichinstrumente.
Auf die rühmlichst bekannte Firma Neuner & Harmsteiner
in Mittenwalde, durch eine Serie von Instrumenten vertreten, findet
leider die im Eingänge dieses Berichtes erhobene Rüge Anwendung,
da sich die Section wegen Mangels einer orientirenden Preisliste, die
auch nach telegraphischer Aufforderung nicht producirt wurde, ausser
Stande sah, ihren Verdiensten gerecht zu werden.
Die letzte Zeit der Ausstellung benutzten einige Aussteller, um
ihre von der Jury beurtheilten Instrumente mit echten alten italieni
schen Instrumenten auszutauschen und auf diese Art eine Trohe ihrer
Sammlungen zu zeigen. Die grösste Anzahl besitzt Herr David Bitt-
ner und man sah in seinem Kasten folgende interessante Instrumente
(Original!) ausgestellt:
Violinen: von Maggini, Carlo Bergonzi, Amati, Guadag-
ninl, Andreas Guarnerius, Antonius Stradivarius etc.; ferner
zwei Violen von Maggini und Pietro Guarnerius und drei pracht
volle Violoncelli von Pietro Guarnerius, Andreas Guarnerius
und Antonius & Hieronymus Amati.
Derselbe Geigenfabrikant David Bittner hatte unter seinen In
strumenten auch eine von ihm verfertigte Viola d’amour ausgestellt,
welche von Herrn J. Kr&l, Solisten der k. k. Ilofoperncapelle, vor der
Jury gespielt grosses Interesse erregte. Die Viola d’amour unterschei
det sich im Bau wesentlich von der Violine. Ihre Oberdecke ist ge
wölbt, die Unterdecke flach, die Zargeneinbiegungen bilden zwei regel
mässige Halbkreise und verlaufen nicht ausgeschweift und spitzig, wie
hei der Violine. Die F-Löcher sind in ihrer Form den Resonanzein
schnitten der alten Contrabässe, der Gamba und des Barytons ähnlich.
Der Wirbelkasten, welcher bei der Violine in einen zierlichen Schnecken
kopf verläuft, endet hier mit einem oft recht kunstvoll geschnitzten
Amorkopf. Der Saitenhalter ist so geschnitten, dass die tieferen Sai
ten eine längere Spannung haben. Sie ist mit sieben Darmsaiten und
sieben Metallsaiten bezogen. Die Darmsaiten, von welchen die drei
tiefsten mit Silberdraht übersponnen sind, werden ebenso, wie bei der
Violine über den Steg und über das Griffbrett hin aufgezogen, die Me-
tallsaiten sind unter dem Saitenhalter an Stiften befestigt und laufen
von hier aus durch den Steg, welcher zu diesem Zwecke mit kleinen
Löchern versehen ist, unter dem Griffbrett hin bis zu ihren Wirbeln.
Die drei tiefsten Metallseiten sind ebenfalls mit feinem Drahte über-
sponnen. Die Stimmung der oberen Saiten ist d", fis\ d\ a, d, A;
die Stimmung der unteren (Metall-)Saiten ist d', a, fis, d, a,ßs, d.
Letztere unterstützen den Klang als Partialtöne; gerade durch dieses
Nachklingen der Metallsaiten wird der Ton dieses Instrumentes, wel
ches einen Umfang vom grossen A bis zum dreigestrichenen a " besitzt,
ein ungemein sympathischer. Daher sagt schon Mattheson in seinem
Orchester Theil I, Seite 282: „Die verliebte Viola d’amore führt den
41 *