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Gruppe III. Chemische Industrie.
wähnung zu thun, die Linde 1 ) über „die Wärmeentziehung bei nie
drigen Temperaturen durch mechanische Mittel“ veröffentlicht hat.
Das Hauptergebniss, zu welchem derselbe rechnungsmässig gelangt ist
(das übrigens die aufmerksame physikalische Betrachtung der Umwand
lungen schon lehrt), besteht darin, dass für eine ökonomische Leistung
der Eismaschine die Temperatur des vermittelnden Körpers während
der Expansion nicht niedriger und während der Compression nicht
höher als absolut nothwendig gehalten werden dürfe. Diese Bedin
gung ist seither von den Technikern vielfach nicht erkannt und ge
würdigt worden. Während häufig zur Darlegung der Vortrefflich
keit einer Eismaschine gerühmt wird, sie arbeite mit so und so nie
drigen Temperaturen, sollte gerade das Umgekehrte geschehen, es
müsste nachgewiesen werden, dass sie Eis erzeuge, ohne dass der Process
sehr weit unter den Gefrierpunkt des Wassers greife. Denn jene Anprei
sung ist nichts Anderes als der sichere Nachweis dafür, dass die Maschine
viel unnöthige Arbeit consumirt. Allerdings können dadurch ihre Di
mensionen kleiner und die Anschaffungskosten geringer ausfallen, allein
dieser Vortheil wird im Allgemeinen gegen den Nachtheil vermehrter
Betriebskosten verschwinden. Linde weist durch die Rechnung nach,
dass bei einer theoretisch vollkommenen Maschine, die Eis von — 3°
aus Wasser von + 10° C. fertigt, 1 Kg Kohlen zur Erzeugung von
100 Kg Eis genügen müsse. — Linde knüpft an seine theoretische
Untersuchung noch eine Kritik der bis jetzt ausgeführten Eismaschinen.
Alle Constructeure solcher Maschinen sollten sich mit den hier ent
wickelten Grundsätzen genau vertraut machen, die sie von dem Be
schreiten falscher Bahnen zurückhalten würden.
Theoretische Speculationen über Luftmaschinen hat auch 1873
J. Armengaud 2 ) der französischen Akademie vorgelegt; dieselben
enthalten keine wesentlich neuen Gesichtspunkte. Armengaud be
tont namentlich die Wichtigkeit, die Luft während der Compression
durch Wasser zu kühlen. Die Schwierigkeit dieses durch im Augen
blick der Compression eingespritztes Wasser zu besorgen, überwand er
dadurch, dass er in die eingesogene Luftmasse mittelst des Giffard’-
schen Injectors Wasser einführte (wahrscheinlich als Staubregen). Nach
seinen Erfahrungen ist es am vortheilhaftesten, mit einem Expansions
grad = 2 zu arbeiten, und in diesem Ealle ist die Arbeit für die er
zeugte Kälte nur halb so gross, wenn die Abkühlung während der
Comprimirung, als wenn sie nach der Comprimirung vor sich geht.
Beschaffenheit des künstlichen Eises. Das bei einer sehr
niedrigen Temperatur rasch gefertigte Eis ist ganz undurchsichtig
1 ) Linde, Bayer. Industiv u. Gewerbebl. Juli, Nov. u. Dec. 1870.
2 ) Armengaud, Compt. rend. 1XXVI, 626; Dingl. pol. J. CCVIII, 174.