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Gruppe III. Chemische Industrie.
Die chemische Fabrik Rhenania in Aachen stellte 1873 in
Wien Modelle von Röstöfen aus, welche zuerst in Stolberg nach dem
Principe Wilhelm Helbig’s und des Verfassers 1 ) gebaut sind. Die
Oefen dienen zur Röstung von feinkörnigen schwefelhaltigen Minera
lien und sind hauptsächlich für Schwefelkies und Zinkblende in
Anwendung. Das Neue und Eigenthümliche in der Construction besteht
darin, dass die Erze auf stark geneigten Ebenen geröstet werden,
welche ein Rutschen der darauf lagernden feinkörnigen Masse zulassen,
wenn an der tiefsten Stelle Erz fortgenommen wird.
Der im Jahre 1870 beschriebene Plattenofen ist zur Röstung von
Klopfabfällen der Stückkiese vielfach in Gebrauch und in verschiede
nen Fabriken gegenwärtig in der Ausführung begriffen. Es wird ein
Gemenge von dicken Graupen, feinen Graupen, Sand und Schlich auf
gegeben. Die Stückkiese werden dicht bei dem Plattenthurm in ge
wöhnlicher Weise geröstet; die von denselben entweichenden heissen
Röstgase, welche über die Platten streichen, wirken entschwefelnd auf
den Feinkies. Das Erz passirt die Platten in Form eines zusammen
hängenden Bandes, dessen Dicke durch den Abstand zweier Platten
von einander bestimmt wird. Das Aufgeben von frischem Erz und
das Entfernen der Ahbrände geschieht ohne Störung des Betriebes.
Man hält den oberen Spalt gehäuft mit Kies bedeckt, so dass beim
Nachrutschen keine schweflige Säure durch den Trichter entweichen
kann. Im unteren Theile des Ofens wird die ausgebrannte Kiesschicht
mittelst einer Walze entfernt, welche automatisch durch ein Wasserrädchen
alle fünf Minuten umgedreht wird. Paul Seybel in Liesing bei Wien
benutzt den Ofen im intermittirenden Betriebe, indem er alle 6 Stun
den durch Drehen der Walze circa 200 Kg Kies entfernen lässt. Da
die Feinkiese bei starkem Mehlgehalt schlecht nachrutschen, so em
pfiehlt sich das Verfahren von Seybel für Erze in Schlichform. Die
Abröstung erfolgt in Liesing im Plattenofen bei Erzen von Bösing in
Ungarn bis zu 4 p. C., bei Erzen aus Steiermark bis 7 und 8 p. C.
Schwefel. Die Stückkiesabbrände der letzten Sorte enthalten noch
5 bis 6 p. C. Schwefel, während die Bösinger Stückkiese im abgeröste
ten Zustande nur 2 p. C. enthalten.
Die ausgebrannten Feinkiese der Grube Sicilia hei Siegen zeigen
einen Schwefelgehalt von 4 bis 5 p. C., je nach der Grösse des Ofens
und der Erzquantität, welche den Ofen passirt. Die ausgebrannten
Stückkiese, welche mit den Klopfabfällen gemischt abgeröstet werden,
enthalten noch 5 p. C. Schwefel, während die reinen Stücke bis zu
2 p. C. entschwefelt sind. In der gesonderten Röstung liegt ein we
sentlicher F ortschritt.
J ) Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ingen. 1870, 705 und 1872, 505.