Sauerstoff.
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säure angezogen haben sollte, genügt es, sie rothglühend zu machen
und so lange Wasserdampf darüber zu leiten, bis der austretende Dampf
Kalkwasser nicht mehr trübt. Darauf wird bei erhöhter Hitze Luft
übergeführt, um die Masse in ihrer ursprünglichen Wirksamkeit wieder
herzustellen.— Die mittlere Dauer einer Retorte soll ein Jahr betragen-
Tessie duMotay’s Verfahren liefert den Cubikmeter 90procen-
tigen Sauerstoffs zu 15 bis 30 Centimen *) oder nach den in Wien gewonne
nen Erfahrungen nach Kuppel wieser 2 ) 1000 Cubikfuss zu 3 fl., ein
Preis, der mit der letztgenannten Zahl übereinstimmt und also den des
Leuchtgases kaum übersteigt. Wir dürfen in diesem Verfahren wohl die
endgültige Lösung der Aufgabe erblicken, welche für eine ökonomische
und rationelle chemische Sauerstoffgewinnung gestellt worden ist.
Noch bietet sich unserem Blick eine kleine Gruppe von Vorschlägen
dar, welche ohne jedes chemische Hilfsmittel auf rein mechanischem
Wege den Sauerstoff der Atmosphäre entziehen wollen. Dieselben be
ruhen auf dem einen oder dem anderen zweier physikalischer Principien,
auf der Diffusion oder auf der Absorption.
Th. Graham, der in classischen Arbeiten lange den Gesetzen des
Ausströmens der Gase aus feinen Oeffnungen nachforschte, theilte 1866
mit 3 ), dass Luft, welche durch eine feine Spalte in einer Kautschuk
platte gesogen wird, in dem constanten Verhältniss von 41'6 p.C.
Sauerstoff zu 58’4 p.C. Stickstoff hindurchgeht, somit die Hälfte des
Stickstoffes der atmosphärischen Luft zurückgehalten wird, und dass
dieses Gemenge glühendeSpähne entflammt. Deville 4 ) prüfte jedoch
dieses Verfahren auf seinen industriellen Werth und fand, dass die
dazu nothwendige Zeit eine zu lange sei.
Die Absorption ward in zwei verschiedenen Formen zu verwerthen
gesucht. Montmagnon und de Laire erhielten 1868ein Verfahren in
Frankreich patentirt 6 ), beruhend auf der Beobachtung von Angus
Smith 6 ), wonach Kohle aus der Luft mehr Sauerstoff aufnimmt als
Stickstoff. 100 1 Holzkohle absorbiren nach ihnen 925 1 Sauerstoff und
nur 750 1 Stickstoff. Durch Benetzen mit Wasser geben sie 350 10 und
650 1 N ab, so dass also 575 1 Sauerstoff und 55 1 Stickstoff Zurück
bleiben, die mittelst der Luftpumpe extrahirt werden können. Durch
Wiederholung derselben Procedur mit diesem Gasgemenge gelang
es ihnen, den Sauerstoff nahezu rein zu erhalten. Ob dieses Verfahren
jemals in grösserem Maassstabe zur Anwendung gekommen, ist nicht
bekannt geworden. Wohl aber ist dies mitMallet’s Verfahren 7 ) der
Fall, welches die dem Stickstoff überlegene Absorptionsfähigkeit des
Sauerstoffs durch Wasser als Grundlage nimmt.
i) Philipps, Der Sauerstoff, 18. 2 ) Kuppelwieser, Berg- und
Hütten.-Ztg. 1873, 354. s ) Graham, Compt. rend. LXIII, 471. 4 ) Deville,
Wagn. Jahresber. 1867, 216. 5 ) Bull. Soc. Chim. [2] XI, 261. 6 ) Angus Smith,
E. Soc. Proc. XII, 424, Ann. Ch. Pharm. Suppl.II, 262 (1863). 7 ) Mailet, Dingl.
pol. J. CIC, 112 und Philipps, Der Sauerstoff. Berlin 1871, 24 ff.