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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 16

Die Schwefelkohlenstoffindustrie. 
in viel schlimmeren Ruf gekommen als er verdient. Reiner Schwefel 
kohlenstoff lässt sich aus dem Oel vollständig wieder austreihen. 
Eigenschaften. Die Eigenschaften des Schwefelkohlenstoffs, 
welche hauptsächlich hei seiner Anwendung in Betracht kommen, sind, 
sein Lösungsvermögen für Oele, Fette, Harze, Theer, Schwefel, Phos 
phor etc., seine Schwerlöslichkeit in Wasser (die von Sestini 1 ). zu 
i/ioe bestimmt worden ist, bisher für viel geringer gegolten hat), 
sein hohes Yolumgewicht von U268, sein niedriger Siedepunkt (46° C.), 
das hohe Yolumgewicht seines Dampfes (38 auf Wasserstoff be 
zogen), seine niedrige Entzündungstemperatur (die der Verfasser 
bei 170° C. fand, welche aber wahrscheinlich unter gewissen Umständen 
noch niedriger liegt), und endlich seine Wirkung auf den thierischen 
Organismus. Hinsichtlich der letzteren sind sehr verschiedene An 
sichten ausgesprochen worden. Während Richter 2 ) nach seinen Er- 
fahrungen den schädlichen Einfluss des Schwefelkohlenstoffdampfes auf 
die Gesundheit gering anschlägt, ist derselbe von anderer Seite auf das 
Entschiedenste empfunden worden. Bei den Meisten, welche längere 
Zeit in einer Schwefelkohlenstoff enthaltenden Atmosphäre athmen, 
stellen sich Kopfweh, Erbrechen, Gliederschmerzen, zumal in den Beinen, 
und schliesslich eine Abschwächung aller Körper- und Geisteskräfte, 
namentlich des Gedächtnisses ein. Diese Erscheinungen steigern sich 
mit der Dauer der Zeit des Athmens und man hat namentlich die 
Beobachtung gemacht, dass Personen, welche einmal an den Wirkungen 
des Schwefelkohlenstoffs gelitten haben, eine grosse Empfindlichkeit 
gegen denselben behalten und an einer eigentümlichen Körperstimmung, 
zumal der unteren Extremitäten, die Gegenwart minimaler Quantitäten 
Schwefelkohlenstoff erkennen, noch ehe sie durch den Geruchssinn auf 
denselben aufmerksam geworden sind. Als Gegenmittel sind primäres 
Natrium- sowie Eisencarbonat in Lösung vorgeschlagen worden, allein 
es braucht kaum erwähnt zu werden, dass eine Sicherung der Gesund 
heit nur durch die Constrnction vollkommen luftdichter Apparate und 
endlich durch gute Ventilation der Werkstätten, in denen Schwefel 
kohlenstoff verarbeitet wird, zu erreichen ist. 
Anwendungen. Die zum Extrahiren mit Schwefelkohlenstoff 
beschriebenen und patentirten Apparate lassen sich in zwei Clagsen 
eintheilen, je nachdem sie 
a. mit dem Streben nach Einfachheit, und 
b. mit dem Streben nach Vollkommenheit gebaut sind. 
Obgleich das Verfahren unter allen Umständen in den Haupt 
operationen dasselbe ist: Verdrängen des Oeles durch Schwefelkohlen- 
1) Sestini, Ber. ehern. Ges. 1872, 288; Wagn. Jahresber. 1872, 254. 
2 ) Richter, Deutsche Industriez. 1866, 327.
	        
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