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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 16

283

Cyanverbindungen.
Schwefelwasserstoff  auf  nassem  Wege  (durch  in  Wasser  suspendirtes
Eisenoxydhydrat)  gereinigt  werden  könnte.  Das  ammoniakalische
Wasser  würde  dann  nachher  Ferrocyanammon  gelöst  und  grosse  Mengen
Schwefeleisen  suspendirt  enthalten.
Wie  gegenwärtig  die  industriellen  Verhältnisse  hegen,  ist  also
allerdings  die  Steinkohle  unter  den  Rohmaterialien  für  Darstellung  der
Cyan  Verbindungen  aufzuführen.  Es  ist  aber  schwer  nachzuweisen,  dass
das  auf  diesem  Wege  dargestellte  Blutlaugensalz  einen  bedeutenden
Theil  der  gegenwärtigen  Production  ausmacht,  Uebrigens  wird  noch
.durch  einen  anderen  Industriezweig  der  Stickstoff  der  Steinkohlen  für
die  Fabrikation  von  Blutlaugensalz  nutzbar  gemacht  und  letzteres  auf
diesem  neuen,  höchst  originellen  Wege,  wenn  auch  in  geringer  Menge,
fabrikmässig  gewonnen.
Die  Firma  Andrae  &  Grüneberg  in  Stettin  hatte  Blutlougensalz
  „aus  dem  Stickstoff  der  Steinkohle“  ausgestellt,  welches  sie  (bereits
seit  einer  Reihe  von  Jahren)  als  Nebenproduct  der  Potaschefabrikation  gewinnt. ­
  Es  ist  schon  lange  beobachtet,  dass  die  nach  dem  Leblaiic’schen
Process  dargestellte  Rohsoda  reichlich  Cyanverbindungen  enthält;  das
vor  vielen  Jahren  ertheilte  Patent,  aus  den  Mutterlaugen  durch  Erkalten
das  Ferrocyannatrium  abzuscheiden,  ist  aber  nie  praktisch  verweithet
worden,  weil  die  leichte  Eöslichkeit  dieser  Verbindung  zu  geringe  Aus
heute  gab,  im  Vergleich  zu  den  Kosten,  welche  das  Abkühlen  der
Sodalaugen  verursachte.  Deshalb  geschieht  es,  dass  die  Cjanverbin
düngen  in  den  rothen  Mutterlaugen  Zurückbleiben  und  dort  bei  (  ei
Verarbeitung  auf  kaustische  Soda  durch  Oxydation  mittelst  Salpeter
die  Veranlassung  zu  der  eigenthümlichen,  häufig  beobachteten  Graphitbildung ­
  geben.  Die  nach  demselben  Verfahren  dargestellte  Kalischmelze
liefert  jedoch  Laugen,  welche  die  Abscheidung  des  gebildeten  Ferroeyankaliums,
  da  es  schwer  löslich  ist,  möglich  machen  und  auf
diese  Weise  eine  Ansammlung  des  Blutlaugensalzes  gestatten.  1  •
Rudolf  Grüneberg  in  Stettin  hat  zuerst  dies  Nebenproduct  abgeschieden, ­
  andere  Fabrikanten  künstlicher  Potasche  gewinnen  es  jetzt
ebenfalls,  haben  jedoch  zuweilen  eine  so  geringe  Cyanbildung  beobachtet, ­
  dass  die  Abscheidung  nicht  lohnend  wird.  Angeblich  rührt
diese  Verschiedenheit  von  der  Beschaffenheit  der  Steinkohle  her,  die
zu  der  Mischung  mit  Sulfat  und  Kalk  verwendet  wird  *).
Wenngleich,  nun  auch  eine  epochemachende  Aenderung  in  der
Darstellung  der  Cyan  Verbindungen  nicht  festzustellen  ist,  so  sind  doch
mannichfaltige  Vorschläge  zur  Verwerthung  von  Stickstoff  haltenden
i)  Auch  die  kalihaltige  Kohle,  welche  durch  Eindampfen  der  bei  der
Spiritusfabrikation  aus  Zuckermelasse  erhaltenen  Schlempe  gewonnen  und  auf
Potasche  weiter  verarbeitet  wird,  enthält  bedeutende  Mengen  Cyanka  mm
(entstanden  aus  dem  im  Syrup  enthaltenen  Ammoniak  und  aus  dem  Stickstoffgehalt ­
  der  Hefe),  dessen  Abscheidung  resp.  Verwerthung  ebenfalls  von  einigen
Fabrikanten  versucht  worden  ist.
            
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