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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 16

Silicium Verbindungen. 305 
hat. Wie der Berichterstatter aus kundiger Quelle erfährt, wird indess 
ein in gewissen Zeiträumen erneuter Wasserglasanstrich der Marmor 
denkmäler in Berlin nicht für erforderlich erachtet. In neuerer Zeit 
hat das Verfahren ziemlich allgemein Eingang gefunden, bei Häusern 
mit Sandsteinfagaden die letzteren mit Wasserglas zu tränken. Es 
ist dies z. B. auch hei dem Nationalmuseum in Berlin geschehen. Da 
durch, dass dem Wasserglas gewisse rothbraune Mineralfarben zuge 
setzt werden, ruft man zugleich einen angenehm warmen Farbenton 
hervor. 
Diese Wirkungen des Wasserglases führen uns zu einer der inter 
essantesten Anwendungen desselben, durch welche die Malerei, beson 
ders die Monumentalmalerei mit einer Technik bereichert ist, welche 
die bisher gebräuchlichen Malarten an Solidität weit übertrifft wir 
sprechen, wie Jeder bemerkt, von der Art von Malerei, welcher 
v. Fuchs den Namen Stereochromie (von 6x£Q8og, fest, und ^Q(S[iCC f 
die Farbe) gegeben hat 1 ). Bei dieser Malerei, um welche sich im 
Verein mit v. Fuchs die Maler W. v. Kaulbach und Echter besondere 
Verdienste erworben haben, bildet das Wasserglas das Bindemittel der 
Farben und ihrer Grundlag'e. Bei der Stereochromie auf Wandflächen 
ist von besonderer Wichtigkeit die richtige Bereitung des Mörtelgrunds, 
wobei der Untergrund und der Obergrund zu unterscheiden ist. Der 
erste Bewurf oder Untergrund wird mit Kalkmörtel gemacht. Dieser 
Bewurf bleibt mehrere Tage hindurch der Luft ausgesetzt, damit er 
einerseits austrockne, andererseits Kohlensäure aus der Luft anziehe. 
Sodann wird der Mörtel mit Wasserglas getränkt. Man wendet dazu 
Natriumwasserglas an, oder Doppelwasserglas, welches mit soviel Natrium 
kieselfeuchtigkeit versetzt ist, dass es nicht opalisirt, sondern ganz 
klar ist. Nachdem der Untergrund so befestigt worden ist, wird der 
Obergrund, welcher das Bild aufnehmen soll, ungefähr 2 mm dick 
möglichst eben aufgetragen. Er ist von ähnlicher Beschaffenheit wie 
der Untergrund. Beim Austrocknen desselben bildet sich eine dünne 
Schicht von kohlensaurem Kalk. Von diesem, welcher das Einsaugen 
der Wasserglaslösung verhindern würde, wird der getrocknete Giund 
durch Reiben mit einem scharfen Sandstein befreit. Zugleich erhält er 
dadurch die zum Malen erforderliche Rauhheit, v. Fuchs empfiehlt auch, 
statt den kohlensauren Kalk durch Abreiben zu entfernen, denselben dui ch 
Waschen mit verdünnter Phosphorsäure zu zersetzen. Der dadurch entste 
hende phosphorsaure Kalk bindet gut mit dem Wasserglas. Dies wii d jetzt 
dem Obergrund imprägnirt, um ihm die gehörige Consistenz zu geben 
und ihn mit dem Untergründe zu verschmelzen. Sobald er wieder 
trocken ist, werden die Farben mit reinem Wasser aufgetragen. Schliess 
lich werden die Farben fixirt, indem das oben erwähnte Fixirungs- 
*) v. Fuchs, Dingl. pol. J. CXLII, 368. 
Wiener Weltausstellung. III. 
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