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Gruppe III. Chemische Industrie.
zenem Borsäureanhydrid zur Weissgluth erhitzt und auf diese Weise
das Fluorbor entdeckt. Bei der Analogie, die zwischen Bor und Silicium
statthat, lag es nahe, dem Borsäureanhydrid Kieselsäureanhydrid zu
substituiren, um Fluorsilicium zu erhalten. Die dahin ausgeführten
Versuche blieben indess ohne Erfolg. Auch Sainte-Claire De-
ville suchte in dieser Weise Fluorsilicium darzustellen; er erhitzte aber
das Gemisch von Sand und Flussspath unter Zutritt von Wasserdampf,
und erhielt so zwar nicht Fluorsilicium, sondern gleich Kieselflusssäure.
Die Versuche im Grossen entsprachen aber nicht den Erwartungen,
die das Experiment im Kleinen hervorgerufen hatte J ).
Tessie du Motay in Metz war der erste, der, auf früheren
Versuchen und den Rathschlägen Sainte-Claire Deville’s und Le-
chatellier’s fussend, die fabrikmässige Darstellung des Fluorsiliciums
ermöglichte, indem er die reducirende Kraft der Kohle zu Hilfe nahm.
Beim Erhitzen eines Gemenges von Kieselerde, Flussspath und Kohle
in einer Retorte wird eine Quantität Kohlenoxyd erzeugt, welche einem
Drittel des in der Kieselerde enthaltenen Sauerstoffs entspricht. Die
Kohle wirkt also reducirend auf die Kieselsäure. Etwa 60 p. C. des
im Fluorcalcium enthaltenen Fluors werden als Fluorsilicium gewonnen.
Im Grossen führt Tessie du Motay die Operation in der
Weise aus, dass Flussspath, Kieselerde und Thon in solchen Propor
tionen mit einander vermischt werden, dass Fluorsilicium und Schlacken,
welche den Hohofenschlacken ähnlich sind, entstehen können. Das
gepulverte Gemenge wird mit einer hinreichenden Menge Kohle ver
mischt und mit Wasser befeuchtet. Die Masse wird dann zu Ziegeln
geformt, welche nach dem Trocknen mit einer gewissen Menge Coke
in Schachtöfen von 10 bis 12 m Höhe geworfen werden; dieselben sind
schon mit glühenden Coke angefüllt. Die Praxis ist dieselbe wie beim
Eisenhohofen. Indem die Charge niederschmilzt, entwickeln sich reich
liche Mengen Fluorsiliciumgas. Die Schlacke, welche man erhält, besteht
hauptsächlich aus Calciumsilicat, enthält aber immer noch 15 bis 20 p. C.
des angewendeten Flussspaths. Die Gase, welche ausser aus Fluorsilicium
noch aus Stickstoff, Kohlenoxyd und Kohlensäure bestehen, werden in
einem Apparat gesammelt, der sich über der Gicht befindet, und von
hier aus in grosse hölzerne Condensationsgefässe geleitet. In diesen
sind geneigte Glasplatten aufgestellt, welche beständig von Wasser be
spült werden. Das Gas passirt die schmalen Zwischenräume, welche
die Scheiben von einander trennen, und zersetzt sich in Berührung mit
dem Wasser. Die Kieselsäure lagert sich am Boden des Gefässes ab;
die Kieselflusssäure wird gelöst. Von dem letzten der vorhandenen fünf
Condensationsgefässe wird die Flüssigkeit auf die Glasscheiben des
vorletzten gebracht und so weiter, so dass durch diese methodische
J ) Balard, Rapports du Jury international; Paris 1868, t. VII, 135.