18
Gruppe III. Chemische Industrie.
häusern sowie in der Passage St. Hubert kurze Zeit lang versucht und
der angeführten Uebelstände wegen wieder verlassen 1 ). In Wien dauerte
im April 1874 die Sauerstoffbeleuchtung des Westbahnhofes allerdings
noch fortj weitere Propaganda hatte jedoch auch dort das System nicht
gemacht, zumal das bläuliche mondscheinartige Licht trotz seiner Inten
sität und oben gerühmten Schönheit unbefriedigt liess 2 ).
Die Jury der Wiener Ausstellung nahm die Sauerstoffbeleuchtung
auf dem Westbahnhof in Augenschein. Im Ausstellungsgebäude seihst
war die Sauerstoffindustrie nicht repräsentirt.
Sollten weitere Erfahrungen die obigen Urtheile bestätigen, so
wäre der Sauerstoffindustrie damit ihre heutige Grundlage genommen.
Denn wo sie sich zu entwickeln begann, geschah es allein in der Hoffnung
auf die Verwendung des Sauerstoffs für Beleuchtungszwecke.
Manche der angeführten Nachtheile, zumal die Kosten der Röhren
leitung, sind umgangen in der Einrichtung, welche Philipps 3 )
der Sauerstoffbeleuchtung zu gehen wünscht. Dieselbe beruht auf Lampen
(verfertigt von Georg Berghausen in Köln), welche ein Oelbehälter
mit sehr schwerem naphthalinhaltigen Theeröl speist, während in die
Mitte des Dochtes Sauerstoff eingeführt wird. Ob aber zu Gunsten
dieser Einrichtung grosse Städte auf die Vortheile der Gasbeleuchtung
verzichten würden, ob deshalb dieselbe in grossen Dimensionen zur
Ausführung kommen kann, bleibt sehr dahingestellt.
Hoffen wir um so mehr, dass die Sauerstoffindustrie in der Metal
lurgie ihre rettende Verbündete finden wird.
In der Medicin hat sie eine solche nicht erworben. Pereira’s
Aussprüchen 4 ) ist trotz mancher neueren Anpreisung der Heilkräfte des
Sauerstoffs nach dem Urtheile Sachverständiger 6 ) bis heute nicht viel
Wesentliches hinzuzufügen. Mögen sie deshalb hier ihren Platz finden.
„ Bald nach Entdeckung des Sauerstoffgases war man für die therapeu
tische Anwendung desselben sehr eingenommen. Man leitete verschiedene
Krankheiten, z. B. den Scorbut, von einem Mangel desselben im Körper
ab und benutzte es daher in vielen Fällen, wo es auch, wie man anfangs
versicherte, glänzende Erfolge zeigte. In England wurde es von Bed-
does 6 ) und Hill angewendet. Letzterer sagt, dass er es bei Asthma,
*) Briefliche Mittheilung vom 14. Aprill874 von Herrn Melsens, Professor
der Chemie in Brüssel, an Herrn A. W. Hofmann. 2 ) Mündliche Mitthei
lung von Herrn Hofrath Hlasiwetz, Professor der Chemie am Polytechnicum
zu Wien. 3 ) Philipps, Der Sauerstoff. Berlin 1871, 46. 4 ) Pereira,
Heilmittellehre, deutsch von Buchheim, I, 217. 6 ) Mündliche Mittheilung
von Herrn Professor Oscar Liebreich.
6 ) Considerations on the use of factious airs and on the manner of obtaining
them in, large quantities by F. Beddoes and J. Watt. Bristol 1794—95.
Bekanntlich ward 1798 in Bristol ein „pneumatisches Institut“ errichtet, in
welchem Gase auf ihre Heilkraft geprüft wurden und Humphrey Davy
die Wirkung des Stickoxyduls entdeckte.