Sauerstoff.
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Schwäche, Geschwüren, Brand, Tumor albus und scrofulösen Knochen
krankheiten nützlich gefunden habe. Yon diesen Ansichten ist man
jedoch aus chemischen sowohl wie aus physiologischen Gründen wieder
zurückgekommen.“
„Bei Asphyxie durch Luftmangel oder durch Einathmen schädlicher
Gase kann das Einathmen von Sauerstoffgas wohl nützlich sein. Aus dem
selben Grunde hat man es auch bei Krampfasthma mit Erstickungs
gefahr einathmen lassen.' Allein es ist, wo es wahrscheinlich nicht
einmal aufgenommen werden kann, höchstens nur ein Palliativum und
kann durchaus nicht neuen Anfällen Vorbeugen. Berücksichtigt man
bei der Anwendung des Sauerstoffs die früher besprochene physische
Wirkung desselben, so wird man wohl leicht finden, dass in den meisten
Fällen, wo Sauerstoff eingeathmet wurde, derselbe nichts helfen konnte,
und dass überhaupt von der therapeutischen Anwendung desselben nur
in wenigen Fällen etwas und auch hier nur wenig zu erwarten ist.“
Dies hindert nicht, dass ein in Berlin kürzlich eröffnetes Inhala
torium Sauerstoff zu 6 Sgr. den Cubikfuss (20 Rmk. pr. cbm) und Sauerstoff
wasser die Flasche zu IV2 Sgr. (15 Pfennigen) verkauft. Da Wasser
von 0° nicht 4 p.C. seines Volums absorbirt, enthält eine halbe Liter
flasche also nicht 20 cbcm oder 0D017 g dieses Gases! Dass von
einer solchen Dosis Wirkung erwartet werden kann, erscheint unver
ständlich.
So wie Reisenden concentrirte Nahrungsmittel empfohlen werden,
ist Denjenigen, welche die höchsten Bergspitzen ersteigen oder mit Luft
ballons Höhen erreichen wollen, in welchen die Verdünnung der Atmo
sphäre ihnen gefährliche Beschwerden verursacht, als coneentrirtes Athem-
mittel Sauerstoff angerathen worden ’). P. Bert 2 ) hat sich und Andere
in passenden Apparaten Luftverdünnungen ausgesetzt, welche diejenigen
der höchsten bisher erreichten Höhen bei Weitem übersteigen. Athem-
noth und Erstickungserscheinungen, wie sie bei einem Barometerstand
von 300 bis 250mm auftraten, wurden nach ihm durch einen Athem-
zug reinen Sauerstoffs sofort gehoben. Verdünnung desselben mit atmo
sphärischer Luft erwies sich vortheilhafter als das reine Gas und auf
einer Luftschifffahrt, welche Croce Spinelli und Sivel am 22. März
1874 von Paris aus unternahmen, führten sie derartige Gemenge, welche
45 und 75 p.C. Sauerstoff (also 55 und 25 p.C. Stickstoff) enthielten,
mit sich. Sie vermochten mit Hilfe dieses Athemmittels in Höhen von
mehr als 6000 m mit Müsse und ohne körperliche Beschwerde werth
volle physikalische Beobachtungen anzustellen 3 ), und wenn es auch
Glaisher gelungen ist, ohne dieses Hilfsmittel noch grössere Höhen
*) So von Fonvielle (La Science en Ballon. Paris 1869) etc. 2 ) Bert,
Compt. rend. 1874, 911. s ) Compt. rend. 1874, 946.