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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 16

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Gruppe III. Chemische Industrie. 
die Noth, das Leuchtgas vorzuziehen, weil es mit den geringsten Schwie 
rigkeiten beschafft werden konnte !). Von 65 Ballons, welche zwischen 
dem 28. September und 22. Januar Paris verliessen, wurden 91 Passa 
giere, 363 tauben und 2 x / 2 Millionen Briefe mitgenommen und meistens 
wohlbehalten abgeliefert. Denn nur fünf Ballons geriethen in die Hände 
der deutschen Armeen, einer fiel in München, der andere in Wetzlar 
nieder, einer verschwand spurlos, vermuthlich im Meer; von einem 
anderen fand man im Herbst 1873 die Fetzen in einem Baum zu Port 
Natal im südöstlichen Afrika wieder. Alle übrigen wurden glücklich 
herabgelassen ausserhalb des Radius unserer Belagerungsarmee in 
Frankreich oder auf neutralem Boden: einer in Belgien, drei in Holland, 
einer sogar auf einem Schneefelde Norwegens, 60 Meilen nördlich von 
Christiania, 180 Meilen von Paris, die zu durchfliegen 15 Stunden 
genügt hatten 2 ). 
Mehr als je ward in jeper Zeit die Lenkbarkeit der Ballons als 
ein tiefes Bedürfniss empfunden. Von Montgolfier’s Zeitgenossen 
hatten sich Viele, darunter bekannte Physiker und Mathematiker, wie 
Meusnier, Monge, Lalande u. A. für die Ausführbarkeit dieses 
Problems ausgesprochen. Unfruchtbare und theilweise absurde Versuche 
es zu lösen, lagen in Menge vor. Der berühmte Erfinder des Injectors, 
Henry Giffard, hat sich nicht abschreeken lassen, im Jahre 1852 
neue Experimente in dieser Richtung auszuführen, und Gedanken, 
welche Meusnier und Giffard zur Ausführung brachten, liegen auch 
den neuesten Versuchen zu Grunde. Statt der herkömmlichen Form 
gab Giffard zum Zwecke seiner Lenkbarkeit dem Ballon die fisch 
artige Form des Schiffes. Eine Dampfmaschine, deren Schornstein, um 
Feuersgefahr zu vermeiden, nach unten gerichtet ward, und deren Dampf 
gleichzeitig benutzt wurde, den Zug zu unterhalten, lenkte eine Schraube, 
genügend, um den Ballon zu drehen, aber freilich von zu geringer Kraft,'' 
um den starken Wind zu besiegen, welcher das Luftschiff Giffard’s 
am 25. September dahintrieb. Die öffentliche Gunst wandte sich darauf 
einem Projecte der Luftschifffahrt zu, das allen bisherigen Plänen ent 
gegengesetztwar. Ponton d’Amecourt, de la Landelle und Nadar 
wollten versuchen, durch blosse Maschinenkraft, ohne Anwendung 
leichter Gase, die Luft der Höhe und Länge nach zu durchschneiden. 
Die Autorität Babinet’s stützte dies Project, dem nach Helmholtz 8 ) 
die physikalische Grundlage fehlt und das in der Ausführung fehlschlug. 
Als die Pariser Ausstellung von 1867 die allgemeine Aufmerksam 
keit jedem industriellen Fortschritt zuwandte, erhielt Giffard den 
Auftrag, dem grossen Publicum die Luftschifffahrt mittelst eines 
- 1 ) Saint-Edme: La Science pendant le siege de Paris. 1871, 62. 
2 ) Stephan: Weltpost und Luftschifffahrt. Berlin 1874. 3 ) Helmho'ltz, 
Berl. Akad. Ber. und Verhandl. d. Vereins für Gewerbfleiss in Preussen 1873 
326 ff.
	        
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