Die Fortschritte in der künstlichen Erzeugung*
von Kälte und Eis.
Von Dr. Heinrich Meidinger,
Professor in Carlsruhe.
Die concentrirte Kälte in der Form von Eis gewinnt täglich eine
crhöhtere Bedeutung für industrielle, wie für häusliche Zwecke. Die
Bierbrauerei nach bayerischer Methode, die Bereitung von Lagerbier,
welches, bei uns in Deutschland wenigstens, alle anderen Sorten Bier
nahezu verdrängt hat, ist auf eine dem Nullpunkt nahe kommende,
längere Zeit anhaltende Temperatur angewiesen, die bis jetzt nur durch
Eis hat hergestellt werden können; für den Conditor giebt es kein
anderes praktisches Mittel als Eis, um zur Bereitung von Gefrorenem
eine Temperatur von 12 bis 18° unter Null zu erzeugen; der Arzt
wendet in häufigen Fällen die Kälte des Eises innerlich wie äusserlich
als geradezu unersetzliches Heilmittel an; der Händler mit frischem
Fleisch, der Gastwirth kann ohne dieses conservirende Mittel kaum
mehr bestehen; im Hauswesen hat sich das Eis auch bereits, in grös
seren Städten wenigstens, wo es dauernd billig zu beziehen ist, einge
bürgert und erscheint denen, die sich an dessen Gebrauch gewöhnt,
als unentbehrliches Mittel zur Conservirung der Speisen, zur
Kühlung der Getränke während der warmen Jahreszeit. Noch ist zu
erwähnen, dass auch zum Auskrystallisiren von Salzen, oder im Allge
meinen zum Ausscheiden von gelösten Stoffen durch Kälte, das Eis in
der chemischen Industrie bereits mehrfache Anwendung gefunden hat.
Wir sehen der Zunahme der Verwendung entsprechend auch wach
sende Mengen von Eis jeden Winter eingelagert. Ein grossartiger
Transport hat sich ausgebildet, um das Eis von den nördlicheren kälteren
Theilen der Erde nach den dem Aequator näher gerückten Gegenden