75
Künstliche Erzeugung von Kälte und Eis.
zu übermitteln. Namentlich Nordamerika verschifft Eis in erstaunlicher
Menge nach allen Richtungen: sogar nach Mittel- und Südamerika,
West- und Ostindien. Auch Norwegen ist in den Schiffsverkehr eingetreten,
von da gelangt Eis nach England und nach den deutschen
Nordseehäfen. In milden Wintern wie 1862/63, 1872/73 sahen wir,
dass von den Alpengletschern her das Eis in ganzen Zügen rheinabwärts
verfrachtet wurde.
Dieses so unentbehrlich gewordene Material hat die Wissenschaft
gelehrt in künstlicher Weise herzustellen. Die ersten Versuche der
Eisbereitung im Grossen fallen gegen das Ende der fünfziger Jahre.
Die Eisfabrikation hat seitdem einen ausserordentlichen Umfang angenommen.
Selbst in solchen Gegenden, wo der Winter in der Regel
genügend kalt ist, um Eis in hinlänglicher Menge für die warme Jahreszeit
aufspeichern zu können, wie z. B. bei uns in Deutschland, hat man es
in zahlreichen Fällen lohnend gefunden, besondere zur technischen
Anfertigung dieses Stoffes oder- zur künstlichen Kälteerzeugung überhaupt
bestimmte Maschinen aufzustellen. Auch sehen wir bereits an
verschiedenen Orten Werkstätten in voller Thätigkeit, um das Bedürfniss
nach solchen Maschinen zu befriedigen; nach dem milden W inter
1872/73 konnten die vorhandenen Fabriken der Nachfrage nach Eismaschinen
nicht genügen.
Die Londoner Ausstellung 1862 führte dieAether- und Ammoniak-Eismaschine
vor; inzwischen ist ein drittes System hinzugekommen, die
Luft-Eismaschine, welche jedoch noch ihrer Vollendung harrt, weil
eigenthümliche Schwierigkeiten der praktischen Ausführung entgegentreten.
Die Theorien dieser Maschinen sind eingehend erörtert worden,
so dass man bezüglich ihrer Leistungsfähigkeit, ihrer relativen \ orziige
vollkommen im Klaren ist; ausserdem wurde noch eine Reihe von
Vorschlägen zur Erzeugung von Kälte mit anderen Hilfsmitteln gemacht,
die bis jetzt zu keinem oder nur geringem praktischen Ergebniss geführt
haben. Wir wollen im Folgenden die Entwickelung zu schildern versuchen,
welche die ganze Frage nach allen ihren Richtungen bis zum
heutigen Tage genommen hat.
Die Physik lehrt drei Vorgänge kennen, durch welche eine Erniedrigung
der Temperatur, und wenn dieselbe in intensivem Grade stattfindet
und auf Wasser übertragen wird, eine Eisbildung hervorgerufen werden
kann: die Auflösung oder Verflüssigung fester Körper (Salze), die freiwillige
Verdampfung von Flüssigkeiten und die Ausdehnung (Expansion)
gasförmiger Körper. Jedes dieser Mittel hat in der Praxis Vei Wendung
gefunden; das erste: die Auflösung, zur Temperaturerniedrigung von
kleinen Massen, in einfachen nicht continuirlieh wirkenden Apparaten,
die beiden anderen Mittel, die Verdampfung und die Expansion, zui
eigentlichen Fabrikation von Eis in ununterbrochener Weise in complicirten
Maschinenverbinduiigen.
■* \