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Gruppe III. Chemische Industrie.
schleunigt, dass bei sinkender Verdunstungstemperatur die Spannkraft
des gebildeten Dampfes, und mit dieser wieder die Dichtigkeit des
letzteren und seine Verdunstungsmenge abnimmt. Der Raum z. B. von
1 cbm, welcher bei 34° sich mit 37'25 g gesättigten Wasserdampfs
erfüllen kann, vermag davon bei 0° nur 4’76 g, bei — 10° sogar nur
2 29 g aufzunehmen. Es ist hiernach vollkommen einleuchtend, dass
von 10° an gerechnet, im Uebrigen unter gleichen Umständen, die
Verdunstung viel langsamer fortschreitet, folglich der Wärmezufluss
von aussen sich mehr geltend macht, als von 34° an gerechnet.
Aehnlich ist es bei anderen Flüssigkeiten; so jedoch, dass allgemein
gesprochen, diejenige am raschesten verdunstet, welche bei einer 'gege
benen Verdunstungstemperatur das grösste Spannungsmaximum besitzt,
oder was dasselbe sagt: deren Siedpunkt am niedrigsten liegt. So erhält
man bei freiwilliger Verdampfung des Aethers im Raume von 1 cbm
bei 34° 3750 g, bei 0° 1515 g, bei — 10° immer noch 654 g Dampf,
während das Wasser bei dieser niedrigen Temperatur nur 2'29 g liefert.
Die weit geringere latente Wärme des Aetherdampfes wird, wie man
sieht, durch das ungleich grössere Gewicht der unter sonst gleichen
Bedingungen verdunstenden Masse reichlich aufgehoben. So versteht
man leicht die allgemein bekannte stark abkühlende Wirkung des ver
dunstenden Aethers.
Auffallender noch in dieser Hinsicht zeigen sich flüssige schweflige
Säure und flüssiges Ammoniak, deren Siedpunkte beziehungsweise bei
— 10° und — 33° liegen.
Die Stärke der Abkühlung einer verdunstenden Flüssigkeit wird
wesentlich dadurch gefördert, dass man den Wärmezufluss von aussen
möglichst zu hindern sucht. Dies geschieht bekanntlich durch die
Benutzung schlecht leitender Umhüllungen. Andererseits sucht man
solche Einflüsse zu beseitigen, welche die Schnelligkeit der Verdunstung
stören. Dahin gehört zunächst Entfernung des äusseren Luftdrucks,
denn die Luft setzt, wenn auch nicht der Bildung, wohl aber der schnellen
Ausbreitung des von irgend welcher Flüssigkeit aufsteigenden Dampfes
ein mechanisches Hinderniss entgegen; so kommt es, dass ein gegebener
Raum, zu dessen vollständiger Ausfüllung mit gesättigtem Dampfe
mehrere Minuten nicht ausreichen würden, sich nach Entfernung der
Luft fast augenblicklich damit sättigt.
Zur Wegschaffung der Luft gebraucht man in den meisten Fällen
eine gute Luftpumpe. Die Luftpumpe allein als Beförderungsmittel der
Verdunstung würde jedoch meistens nicht hinreichen, weil ihre Wirk
samkeit nicht gross genug ist, um auch die Dämpfe mit derselben
Schnelligkeit, mit der sie in luftleeren Räumen erzeugt werden, weiter
fortzuschaffen. Die Verdunstung wird aber ganz unterbrochen, sobald
der vorhandene Raum sich mit Dämpfen von derjenigen Temperatur,
bei welcher die Verdunstung vor sich geht, angefüllt hat. In sehr