2 Deutschland auf der Wiener Weltausstellung 1873.
die Erzeugnisse des ganzen Zollvereinsgebietes im Zusammenhänge
zur Schau gestellt wurden. Seitdem aber schienen sie unter dem ver
wirrenden Einfluss der politischen Entwickelung des Landes mehr und
mehr der Erinnerung zu entschwinden.
Nun mit einem Male sollte es gelingen, auf festeren Grundlagen
und in glänzenderer Gestalt die alten Wünsche der Nation zu ver
wirklichen.
So mächtig brach dieses Gefühl sich Bahn, dass über das Zeit
gemässe der neuen Ausstellung in Deutschland kaum ein Zweifel laut
wurde. Und doch konnte solch’ ein Zweifel berechtigt erscheinen.
Deutscher Seits war man von der letzten Pariser Ausstellung trotz all’
ihren Glanzes nicht mit Befriedigung geschieden; bereits während
ihrer Dauer wurde ein Gefühl der Uebersättigung empfunden, welches
neue Unternehmungen dieser Art auf lange Zeit hoffnungslos erschei
nen Hess. Der Ausstellung folgten nur zwei friedliche Jahre. Dann
brach zwischen den beiden Nationen, welche auf dem europäischen
Continent bis dahin die Culturentwickelung getragen hatten, ein Krieg
aus, dessen Erschütterungen auf Jahre ruhiger Arbeit den Boden ent
zogen. Was konnte solch’ eine Zeit an Fortschritt aufweisen, wo soll
ten sich die Ideen und Erzeugnisse für eine neue Ausstellung finden?
Nicht überall wurde man über diese Fragen so leicht wie in
Deutschland durch gewichtigere Interessen hinweggehoben. In Frank
reich und England, deren Theilnahme den vollen Erfolg des Unter
nehmens bedingte, hatte man schon vor dem Kriege nur wenig für
dasselbe sich erwärmen können und die mit Mühe gewonnenen Sym
pathien standen unter den Nachwehen des Krieges in Gefahr, schnell
wieder zu verschwinden. Fast kritischer noch verhielten sich viele der
kleineren Staaten, deren Interessen dem Schauplatze der neuen Aus
stellung fern lagen und deren Haltung durch die Entschliessungen der
genannten grossen Mächte des europäischen Westens bestimmt wurde.
Dies war die Lage, als die Beschickung der Ausstellung in Deutsch
land unter das nationale Banner gestellt wurde. Das neue Symbol
fesselte in wenigen Wochen alle Kreise der Kunst und des Gewerb-
fleisses. Je mehr sich daraus die Gewissheit entwickelte, dass die
Wiener Ausstellung, in Vereinigung der österreichischen und deutschen
Länder, ein grossartiges Bild mitteleuropäischen Culturlebens enthüllen
werde, desto mehr schwand die Zurückhaltung der übrigen Völker.
Die grossen Industriestaaten des Westens empfanden die Nothwendig-
keit, die auf den früheren Ausstellungen stets siegreich behauptete
Führung auch auf diesem Schauplatze sich zu wahren. Wenige Mo
nate nach dem erklärten Beitritte Deutschlands waren die Bedenken
gegen die Ausstellung gefallen, die Betheiligung aller bedeutenderen
Staaten gesichert und ein Werk in Aussicht, welches mit jeder der
früheren internationalen Ausstellungen in die Schranken trat.