Deutschland auf der Wiener Weltausstellung 1873. 19
stiegen die Bauten aus dem Boden und es stand noch dahin, welche
Nationen sich bereit finden würden, sie zu beziehen. Aber diese Verlegenheit
wendete sich in ihr Gegentheil, als über die Betheiligung die
Entscheidung gefallen war und plötzlich und unerwartet die Raumansprüche
über alle Berechnungen wuchsen. War man früher im Zweifel
gewesen, den grossen Bau überhaupt zu füllen, so kam jetzt die
Sorge für die Beschaffung neuen Raumes. Hatte man anfangs zu jeder
Zusage sich gern verstanden, so stand man jetzt vor der Frage, wie sie
erfüllen. Je mehr das Unternehmen sich entwickelte, desto weniger
waren die früheren Dispositionen zu halten. Dem Einfluss dieser unverschuldeten
Lage konnte die Leitung der Ausstellung sich nicht entziehen.
Sie litt nicht hierunter allein. Ein an sich anerkennenswerthes
Bestreben, durch Originalität und Trefflichkeit in den einzelnen Einrichtungen
die früheren Ausstellungen zu schlagen, fand die richtigen
Grenzen nicht mehr. In der gründlichen Prüfung ihrer Ideen und Entwürfe
sah die Generaldirection sich bald durch die Thatsachen überholt,
bald wieder, um dem zu entgehen, zu übereilten und verfehlten Anordnungen
gezwungen. So erwuchs ein Schwanken in den Dispositionen
und eine allgemeine Unsicherheit der Verhältnisse, welche in empfindlichster
Weise auf die Thätigkeit de’r fremden Commissionen einwirkte,
dann ihre Thätigkeit lähmte, dann wieder zu ungesunder Eile trieb.
In Deutschland hatten die Landescommissionen alsbald nach ihrer
Errichtung, im März 1872, einen Aufruf erlassen, worin zur Beschickung
der Ausstellung eingeladen war. Für die Anmeldungen hatte die
Centralcommission ein einheitliches Formular vorgeschrieben. Nach
den Bestimmungen des Ausstellungsprogramms sollten die fremden
Commissionen bis Mitte Februar 1872 über Grösse und Lage des ihrem
Lande zugetheilten Ausstellungsraumes unterrichtet werden und ihrerseits
bis Anfang Mai sich erklären, ob dieser Raum den Betheiligungsverhältnissen
entspreche. Die schon geschilderte Lage hatte die Generaldirection
ausser Stand gesetzt, die Zusage des Programms zu erfüllen.
Dessenungeachtet war man in Deutschland bestrebt, über den Umfang
der Betheiligung sich selbst wie auch den österreichischen Behörden
baldmöglichst ein Bild zu verschaffen. Man hoffte noch vor Ende April
eine vorläufige Uebersicht über den Raumbedarf in den einzelnen Gruppen
des Programms, mit Ausnahme der Kunst, zu erhalten und von den
Landescommissionen waren demgemäss die Anmeldefristen bestimmt.
Allein in neuer Bestätigung früherer Erfahrungen sah man auch dies
Mal wieder in der ersten Zeit die Bewegung für die Beschickung der
Ausstellung nur langsam um sich greifen. Bis in die letzten Tage der
Anmeldefrist hinein erfolgten die Betheiligungserklärungen auffallend
spärlich; dann aber wuchsen sie zu einem nie erwarteten Umfange
heran und nöthigten, die Anmeldefrist um kurze Zeit zu verlängern.
Nichtsdestoweniger lagen, Dank der unermüdlichen Thätigkeit
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