Deutschland auf der Wiener Weltausstellung 1873. 51
deutscherseits seine Einrichtungen gestellt. Als aber kurz vor dem
Beginn der Güterzufuhr die näheren Bestimmungen der Ausstellungs
leitung über das Transportwesen zur öffentlichen Kenntniss ge
langten, wurden die fremden Commissionen durch die Einrichtung
eines „Güterempfangsbüreaus“ überrascht, welches als Organ des Ge-
neraldirectors alle Sendungen aus den Händen der Transportanstalten
entgegennehmen und unter genauer Controle an die Organe der
einzelnen Ansstellungscommissionen weitergeben sollte. Der Kern
eines sachgemässen Gedankens wurde in dieser Schöpfung unter einem
Wüste von Formen und unter der Last sich durchkreuzender, aller
festen Leitung entbehrender Arbeiten zu Grabe getragen. Das Be-
dürfniss eines Organes, welches den schwierigen Verkehr der Eisen
bahnverwaltungen mit den fremden Commissionen regelte, war wohl
allerseits anerkannt. Allein in der Gestalt, in welcher das neue Büreau
zu Tage trat, schien diese Aufgabe zu verschwinden. Man ging an
eine Controle aller eingehenden Sendungen, die mit dem ersten
Tage eines stärkeren Güterzuflusses als undurchführbar sich er
wies. Man übernahm die Leitung der gesammten Güterentladung,
ohne eine Uebersicht über das Material, das zu bewältigen war, ohne
Verfügung über die nöthigen Arbeitskräfte und ohne maassgebenden
Einfluss auf die Bahnverwaltungen zu besitzen. So wurde in den
Apparat, der zwischen den Transportanstalten und Ausstellungs
commissionen zu vermitteln hatte, ein neues Glied eingeschoben, wel
ches das Gebiet unvermeidlicher Reibungen nur vergrösserte. Trotz
ihres Sträubens gelang es den Comnjissionen nicht, dem lähmenden
Einflüsse des neuen Büreaus sich zu entziehen. Mit ihm in dem
schwierigsten Stadium der Ausstellung einen unerquicklichen Kampf zu
führen, waren sie alle verurtheilt — in Folge des ungewöhnlichen Umfan
ges ihrer Transporte aber keine Commission so sehr wie die deutsche.
Die Güterzufuhren mittelst der Eisenbahnen waren durch das
Entgegenkommen der deutschen und österreichischen Bahnverwaltun
gen in sehr dankenswerther Weise erleichtert worden. Mit ganz ver
einzelten Ausnahmen hatten die Verwaltungen für den Hinweg und,
sofern die Rücksendung an die Abgangsstation erfolgte, auch für
den Rückweg die Frachtsätze auf die Hälfte der tarifmässigen Höhe
herabgesetzt. Die nöthigen Transportmittel für die plötzlich heran-
fluthenden Gütermassen waren vorsorglich bereit gehalten, so dass die
Versendungen selbst auf das Rascheste und meist in eigenen Wa
genzügen bewerkstelligt werden konnten.
Die schwierigste Aufgabe erwuchs den Bahnen aus dem Empfang
und der Vertheilung der gewaltigen Transporte am Orte der Ausstel
lung selbst. Von den sechs in Wien mündenden Schienenwegen ver
mitteln nur drei den Verkehr mit dem Westen und Norden Europas,
auf ihnen' musste die ganz überwiegende Masse der Güter dem Aus-
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