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Full text: Deutschland auf der Wiener Weltausstellung 1873, Wiener Weltausstellung Heft 17

Deutschi and auf der Wiener Weltausstellung 1873. 65 
rasch auszuführende Schaustellungen umfasste, einen Vorsprung erreicht 
hatten. Für einzelne Nationen, so insbesondere für Frankreich und 
für die Vereinigten Staaten von Amerika, zogen sieh die Arbeiten er- 
heblich weiter hinaus, als dies für Deutschland der Fall war. 
Das Gesammtbild, welches die deutsche Ausstellung nach ihrer 
Vollendung zeigte, war nicht eben vo,rtheilhaft. Die Ausstellung bil 
dete kein abgerundetes, schon durch die Masse imponirendes Ganze, 
sondern trat zersprengt und zerstückelt in verschiedenen, zusammen 
hanglosen Bauten dem Beschauer entgegen. Ueberall zeigte sie Ueber- 
füllung, aber eine Ueberfüllung ohne Reichthum, die dem Ganzen 
den Schein des Gedrückten verlieh. Sie bewältigte den Besucher nicht 
durch den Glanz von Frankreichs Ausstellung, nicht durch die Kost 
barkeit der Erzeugnisse Englands, und nicht minder fehlte ihr die zarte 
Eleganz, welche, wie ein Duft, auf manchen Theilen der österreichi 
schen Ausstellung ruhte. So hatte sie zwar zu einer grossartigeren, 
eindrucksvolleren Gestalt als die früheren Ausstellungen der deutschen 
Staaten sich entwickelt, dessenungeachtet aber, aller Anstrengungen der 
Künstler und Techniker spottend, im Ganzen und Grossen den Charak 
ter der früheren Ausstellungen nicht abgestreift. Wohl war man sich, 
bei der Aufstellung des Ausstellungsplanes wie bei dessen Durchfüh 
rung, der die deutschen Ausstellungen gefährdenden Schwächen bewusst 
gewesen. Doch man kämpfte gegen sie wie gegen unüberwindliche 
Elemente. Das Uebergewicht der Kleingewerbe, der Mangel einer 
glanzvollen Luxusindustrie, die nüchterne, billige, auf Massenverbrauch 
gerichtete Production mussten naturnothwendig dem Werke ihren Stem 
pel aufdrücken. Belehrend, auch mannigfach interessant, blieb das Ge 
sammtbild gleichwohl kühl und schwunglos und nicht geeignet, die 
grosse Menge, welche täglich mit flüchtigem Blick die Räume durchzog, 
an sich zu fesseln. Aber was die Ausstellung bot, war im Ganzen ein 
treuer Spiegel von Deutschlands gewerblichem Leben, welcher dessen 
Richtung und Charakter, dessen Vorzüge und Mängel — diese unver 
hüllt, jene nicht übertrieben — in scharfer Beleuchtung wiedergab. 
In dieser Treue der Darstellung war die deutsche Ausstellung unbe 
streitbar allen übrigen Ausstellungen überlegen. 
Die angedeuteten Züge traten vor allem in dem Industriepalaste 
und den zugehörigen Erweiterungsbauten hervor. Um den Eindruck 
des Ganzen zu heben, hatte man zwar die glänzenderen Gegenstände 
an den Hauptpunkten des Verkehres zu grösseren Schaustellungen ver 
einigt. Allein der Besitz an solchen Gegenständen war zu gering, 
um bedeutende Wirkungen zu erzielen. Die Einrichtung der Gebäude 
vermehrte die Schwierigkeiten. In den grossen, eintönigen Hallen war 
keine kräftige Scheidung in Gruppen möglich, durch welche die ein 
zelnen Industriezweige schärfer individualisirt werden konnten, aber 
auch keine Anordnung eines Gesammtbildes, welche eine üebersicht 
Wiener Weltausstellung. V 
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