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Full text: Holz-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 18

522 Gruppe VIII. Holz - Industrie. 
Unserer Auffassung nach ist der Kern der gegenwärtigen Kämpfe 
auf gewerbepolitischein, oder sage man auf socialpolitischem, Gebiete 
in dem Ringen nach einer neuen Organisation der Arbeit zu 
suchen. Darüber, dass eine solche gefunden werden muss, besteht in 
Deutschland kein Meinungsstreit mehr unter den in Fehde liegenden 
Parteien. Nur über die Mittel, die zum Ziele führen können und sollen, 
gehen die Urtheile und Hoffnungen mit leidenschaftlicher Einseitig 
keit auseinander. Und zwar leidet nicht allein Deutschland unter 
einer gewaltigen Gährung auf diesem Gebiete. Die Gestalt, welche 
dieselbe jenseits des Canals gewonnen hat, ist bekannt, und auch aus 
Frankreich erschallen, bei uns in Deutschland ob der eigenen Noth 
wenig gehörte Rufe nach Rettung aus dem Chaos, in welches die Ge 
sellschaft durch das einem unreifen Volke voreilig verliehene „ Sujfvugc 
universel“ und die Abschaffung der corporations, maUrises und jurandes 
auch dort gestürzt worden. 
Von dem Umfange, in welchem es gelingt, jenes Ziel auf irgend 
einem der beschrittenen Wege zu erreichen, hängt unendlich viel ab 
für die Zukunft von Handwerk und Industrie im deutschen Reiche. 
Die heutigen Verhältnisse spitzen sich darauf zu, den Arbeitgeber 
von Seiten der Arbeiter als ihren geborenen Feind aufzufassen, wofür 
sie sich dann zu geschworener Feindschaft gegen ihn befugt glauben. 
Das Weiterfressen dieser Grundanschauung verleidet dem deutschen 
Arbeiter allgemach die selbstbewusste Freude an der Arbeit, mehr und 
mehr fühlt er, wie ihm das Erzeugniss derselben gleichgültig wird. 
Indem er Tag aus Tag ein behaupten hört und endlich selber glaubt, 
sein Arbeitgeber beute ihn aus, behandele ihn „eines Menschen unwür- 
chg t nur als Maschine, wird er unversehens in Whhrheit zu einem 
Stück Werkzeug, das nur noch durch den Zwang der thierischen In- 
stincte hier oder dorthin geleitet wird. Je allgemeiner der deutsche Ar 
beiter diesem Entwickelungsgang verfällt, desto sicherer bereitet er der 
Capitalherrschaft der Grossindnstrie den Boden, desto schwieriger macht 
er das Bestehen der Kleingewerbe, die eines intimeren Verhältnisses 
zwischen Arbeitgeber und Arbeiter, zwischen diesem und seiner Arbeit 
auf die Dauer nicht entrathen können. Die Grossindustrie droht die ge 
werbliche Production im engeren Sinne völlig an sich zu reissen, das Ge 
werbe wird zum Flickhandwerk und Kleinhändlerthum erniedrigt. Vor 
ausgesetzt selbst, das Kleingewerbe sei kein unentbehrliches Mittelglied 
in der bürgerlichen Gesellschaft, so drängt sich uns doch alsbald eine 
übele Folge auf, die sein Verschwinden für die Grossindustrie nothwen- 
dig nach sich ziehen müsste. Letztere kann nicht ausschliesslich mit 
Maschinen, leblosen oder lebendigen, wirthschaften, kann für eine ganze 
Reihe von Beschäftigungen, darunter die mit den Kunstgewerben 
zusammenhängenden in erster Reihe, Arbeiter nicht entbehren, die 
nicht mindestens für eine gewisse Specialität eine tüchtige Fertigkeit 
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