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I. Die Erzeugnisse der Möbeltischlerei etc.
schon erworben haben. Selbst aber die von ihr benöthigten Arbeiter
von dem jugendlichen Alter an, in welchem mit dem Lernen begonnen
werden muss, heranzubilden, dazu fehlen der Grossindustrie bei ihrer
gegenwärtigen Organisation fast alle Voraussetzungen, wie denn viele
Fabriken ersten Ranges, und zwar nicht bloss Mangels guten Willens,
sondern in richtiger Selbsterkenntniss, von der Aufziehung von Lehr
lingen grundsätzlich Abstand nehmen. Denn um ein brauchbarer Ar
beiter in einem noch so eng begrenzten kunstgewerblichen oder höhere
technische Geschicklichkeit voraussetzenden Gewerbe zu werden, genügt
es nicht, innerhalb dieser Grenzen eine gewisse handliche Fertigkeit
sich zu eigen zu machen, das Verständniss für den Zusammenhang der
Theile muss geweckt, gewisse allgemeine Handwerksbegriffe und gewerb
liche Handgriffe müssen in längerer Uebung gelernt, ein Ueberblick
über das Ganze gewonnen werden. Diesen Grad von Bildung, die vom
beschränkten Kreise aus doch zu einer universalen wird, kann der Lehr
ling in der Fabrik, in der alles auf Specialisirung der Fähigkeiten, auf
äusserste Theilung der Arbeit sich zuspitzt, sich nicht zu eigen machen.
Wo anders kann er dies, als in der Werkstatt des Kleingewerbtreiben-
den, wo unmittelbarer Verkehr mit dem in vielen Zweigen seines Faches
bewanderten Meister, wo ein lehrhafter Wechsel der Arbeit Zusammen
wirken, um dem Lehrling, sofern die annoch erforderliche theoreti
sche Unterweisung in der Fortbildungs- und gewerblichen Fachschule
hinzutritt, diejenige Bildung auf den Weg zu geben, deren er bedarf,
um in den Werkstätten der Grossindustrie nicht als unbrauchbar von
der Thür gewiesen oder besten Falles als ein Werkzeug, an dem nur
Knochen und Muskeln geschätzt werden, in Reih’ und Glied gestellt
zu werden ?' Es erhellt, dass das Kleingewerbe schon von dem Stand
punkt vorwiegender Förderung der Grossindustrie aus ein unentbehr
liches Mittelglied zwischen Fabrik und Einzelarbeiter bleiben wird.
Wie viel wichtiger aber erscheint seine Aufrechterhaltung, sobald wir
seiner Bedeutung im socialen und politischem Leben inne werden!
Das Verhältniss, in welchem Kleingewerbe und Grossindustrie zu
einander stehen, oder in welches sich zu stellen sie die Tendenz haben,
ist für die verschiedenen Gewerbe ein sehr verschiedenes. Während
z. B. in der Fabrikation von Bewegungs- und Arbeitsmaschinen und
in einigen Zweigen der Textilindustrie das Hauptgewicht sich seit lange
auf die Seite des Grossbetriebes geneigt hat, während z. B. in der
Fabrikation von feinen Metallwaaren, von Gold- und Silberarbeiten
das Verhältniss ein schwankendes ist, steht die Möbelindustrie noch
durchgängig und zwar um so entschiedener auf Seite des Kleingewerbes,
je mehr die kunstgewerbliche Richtung ausgeprägt ist. Specialitäten
wie sie in den Fabriken von Bautischlerarbeiten, von Parquetten, von
gebogenen Möbeln betrieben werden, in denen gleichzeitig der Maschi
nenkraft eine bedeutende Rolle zufällt, eignen sich allerdings naturge-