531
I. Die Erzeugnisse der Möbeltischlerei etc.
Gründung neuerdings in Schleswig angeregt ist, die alten nordalbingischen
Holzschnitzereien nachärbeiten zu lassen. Ein Bildner, der die menschliche
Gestalt nicht anders als durch die zweite oder dritte Hand kennen
lernt, wird sie nie auch nur nachahmend zu beherrschen und sie ornamentalen
oder decorativen Zwecken gemäss anzuordnen geschickt werden.
Auf solche Versuche die Hoffnung auf eine Wiederbelebung abgestorbener
Traditionen alter Holzschnitzer zu gründen, ist genau so verkehrt,
wie wenn man glaubte, den Sinn für gläubigen Kirchengesang
dadurch wieder zu beleben, dass man alle Drehorgeln im Lande für
Choralmelodien herrichtete. Die Früchte solcher wohlmeinenden aber
dilettantischen Anläufe werden nur die mit Falsificaten handelnden
oder besten Falles „antike“ Möbel aus alten echten Bruchstücken zuzammenflickenden
Antiquare auf Kosten kenntnissloser alterthümelnder
Liebhaber ernten. Etwas anders liegen die Dinge, wo es sich, wie in
einigen Gebirgsgegenden Süddeutschlands und Tyrols, um ein Erwerbsmittel
für eine sich nur kärglich nährende Bevölkerung handelt. Wir
gedenken dieser Verhältnisse später bei unserer Besprechung der Arbeiten
der Schnitzerschulen zxi Berchtesgaden, Werdenfels und Boding.
Unsere Ansicht geht vielmehr dahin, auch bei dem Modellirunterricht
in den Gewerbeschulen könne man, wenn anders er gute Früchte
tragen soll, des Arbeitens nach dem lebenden Modell nicht länger entrathen.
Nur dann, wenn dem Schüler gegeben und gelehrt wird, das
Schöne und Charakteristische der menschlichen Bildungen an Leibern
zu sehen und zu studiren, in denen noch das warme Blut pulsirt, kann
ein frisches natürliches Leben in den Figuren unserer Decorationen
und Ornamente wiedererwachen. Anderenfalls wird man in Conventionalismus,
erstarren, borge dieser nun seinen Namen bei den perikleischen
Griechen oder den Quattrocentisten Italiens.
Sinnverwandtes gilt von den pflanzlichen und thierischen Bildungen
im Ornament. Was den Naturalismus, welcher in der Mitte dieses
Jahrhunderts in der Ornamentation geherrscht hat und noch immer
auch in der Ausschmückung des Mobiliars eine gewisse Bolle spielt, zu
ewiger Interesselosigkeit verdammt, ist der Umstand, dass er eigentlich
nie verstanden hat, natürlich zu sein. (Auch hierfür waren die Beispiele
in Wien nur allzu häufig.) Auch diesem Betrachten der unbeseelten
Natur durch conventioneil verzerrende Brillen muss ein Ende
gemacht werden, wenn das stilisirte Ornament wieder aus dem vollen
erwachsen soll. Copire man immerhin die meisterlichen Friese und
Pilasterfüllungen der Italiener alter und moderner Benaissance, aber
ein dauerndes Heil wird unserem Kunsthandwerk daraus nicht erblühen.
Wir werden es doch immer nur zu einer „second-hand- u Renaissance
bringen, der noch weit rascher die Manierirtheit folgen wird als jener
des 16. Jahrhunderts. Man vergesse doch nicht, dass soweit es sich
um die ornamentalen Motive handelt, die Renaissance selbst wesentlich
. 34*