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Full text : Holz-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 18

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I.  Die  Erzeugnisse  der  Möbeltischlerei  etc.
Gründung  neuerdings  in  Schleswig  angeregt  ist,  die  alten  nordalbingischen
Holzschnitzereien  nachärbeiten  zu  lassen.  Ein  Bildner,  der  die  menschliche ­
  Gestalt  nicht  anders  als  durch  die  zweite  oder  dritte  Hand  kennen
lernt,  wird  sie  nie  auch  nur  nachahmend  zu  beherrschen  und  sie  ornamentalen ­
  oder  decorativen  Zwecken  gemäss  anzuordnen  geschickt  werden.
Auf  solche  Versuche  die  Hoffnung  auf  eine  Wiederbelebung  abgestorbener ­
  Traditionen  alter  Holzschnitzer  zu  gründen,  ist  genau  so  verkehrt, ­
  wie  wenn  man  glaubte,  den  Sinn  für  gläubigen  Kirchengesang
dadurch  wieder  zu  beleben,  dass  man  alle  Drehorgeln  im  Lande  für
Choralmelodien  herrichtete.  Die  Früchte  solcher  wohlmeinenden  aber
dilettantischen  Anläufe  werden  nur  die  mit  Falsificaten  handelnden
oder  besten  Falles  „antike“  Möbel  aus  alten  echten  Bruchstücken  zuzammenflickenden
  Antiquare  auf  Kosten  kenntnissloser  alterthümelnder
Liebhaber  ernten.  Etwas  anders  liegen  die  Dinge,  wo  es  sich,  wie  in
einigen  Gebirgsgegenden  Süddeutschlands  und  Tyrols,  um  ein  Erwerbsmittel ­
  für  eine  sich  nur  kärglich  nährende  Bevölkerung  handelt.  Wir
gedenken  dieser  Verhältnisse  später  bei  unserer  Besprechung  der  Arbeiten
der  Schnitzerschulen  zxi  Berchtesgaden,  Werdenfels  und  Boding.
Unsere  Ansicht  geht  vielmehr  dahin,  auch  bei  dem  Modellirunterricht ­
  in  den  Gewerbeschulen  könne  man,  wenn  anders  er  gute  Früchte
tragen  soll,  des  Arbeitens  nach  dem  lebenden  Modell  nicht  länger  entrathen.
  Nur  dann,  wenn  dem  Schüler  gegeben  und  gelehrt  wird,  das
Schöne  und  Charakteristische  der  menschlichen  Bildungen  an  Leibern
zu  sehen  und  zu  studiren,  in  denen  noch  das  warme  Blut  pulsirt,  kann
ein  frisches  natürliches  Leben  in  den  Figuren  unserer  Decorationen
und  Ornamente  wiedererwachen.  Anderenfalls  wird  man  in  Conventionalismus,
  erstarren,  borge  dieser  nun  seinen  Namen  bei  den  perikleischen
Griechen  oder  den  Quattrocentisten  Italiens.
Sinnverwandtes  gilt  von  den  pflanzlichen  und  thierischen  Bildungen
im  Ornament.  Was  den  Naturalismus,  welcher  in  der  Mitte  dieses
Jahrhunderts  in  der  Ornamentation  geherrscht  hat  und  noch  immer
auch  in  der  Ausschmückung  des  Mobiliars  eine  gewisse  Bolle  spielt,  zu
ewiger  Interesselosigkeit  verdammt,  ist  der  Umstand,  dass  er  eigentlich
nie  verstanden  hat,  natürlich  zu  sein.  (Auch  hierfür  waren  die  Beispiele ­
  in  Wien  nur  allzu  häufig.)  Auch  diesem  Betrachten  der  unbeseelten ­
  Natur  durch  conventioneil  verzerrende  Brillen  muss  ein  Ende
gemacht  werden,  wenn  das  stilisirte  Ornament  wieder  aus  dem  vollen
erwachsen  soll.  Copire  man  immerhin  die  meisterlichen  Friese  und
Pilasterfüllungen  der  Italiener  alter  und  moderner  Benaissance,  aber
ein  dauerndes  Heil  wird  unserem  Kunsthandwerk  daraus  nicht  erblühen.
Wir  werden  es  doch  immer  nur  zu  einer  „second-hand- u  Renaissance
bringen,  der  noch  weit  rascher  die  Manierirtheit  folgen  wird  als  jener
des  16.  Jahrhunderts.  Man  vergesse  doch  nicht,  dass  soweit  es  sich
um  die  ornamentalen  Motive  handelt,  die  Renaissance  selbst  wesentlich
.  34*
            
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