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Gruppe VIII. Holz - Industrie.
die Renaissance, wenn auch erst die späte (erste Jahrzehnte des 17.
Jahrhunderts), Muster von Sesseln biete, die als Grundlage für moderne
Sesselformen verwendet werden könnten: Stühle mit und ohne Arm
lehnen, mit breitem und tiefem Sitze und massig hoher Rückenlehne,
die entweder gepolstert oder nur mit einem breiten Stück Leder oder
Sammt oder ^Vollgewebe von Pfosten zu Pfosten überspannt ist, mit
gekreuzten oder an den Füssen mit Brettchen oder Stäben verbun
denen Beinen. Einzelnes über diese Erfolge werden wir später berichten.
Hier bleibt nur noch ein Bedauern darüber zu äussern, dass die Mode
mit dem Aufgeben der Gothik auch einige in constructiver Hinsicht vor
trefflich durchgebildete Stuhlformen dieses Stiles zu vergessen scheint.
Auf der Weltausstellung wenigstens vermochten wir unter den Tausenden
von Stühlen auch nicht ein einziges Exemplar zu entdecken, welches
uns des Fortlebens des nach Ungewitter benannten Schemas ver
sichert hätte, jenes Schemas, bei welchem der Seitenriegel, das schräg
gestellte Hinterbein, und der Pfosten der Lehne (sogenannte Hinter
stollen) nicht in einem Punkt sich treffen, sondern zwischen sich ein
Dreieck frei lassen. Die andere weit ältere, schon in der römischen sella
curulis vorgebildete Form des Faltstuhles mit gekreuzten/an den Kreu
zungspunkten durch einen Spriegel verbundenen Beinen war dagegen
häufig in Anwendung gebracht, vorwiegend und mit Geschick von Oester
reichern (Haas & Söhne, Schmidt & Sugg). — Das Schema des
deutschen (ungepolsterten) Bauernstuhles: vier Füsse, welche das
Sitzbrett in stumpfem Winkel treffen (also gespreizt stehen), und senk
rechte oder leicht geneigte, aus einem Brett geschnittene Lehne, hatte
Volkert aus Heidelberg bei dem Mobiliar eines Herrenzimmers zu
Grunde gelegt und dabei durch eine leichte, dem Gesäss angeschmiegte
Aushöhlung der Platte der Bequemlichkeit Rechnung getragen. —
Das Schema des Holzstuhles der italienischen Renaissance: leicht ver
tieftes Sitzbrett, das vorn und hinten von zwei etwas schräg gestellten,
meist reich geschnitzten, Brettern gestützt wird und eine unten schmale,
nach oben stark verbreiterte, reich geschnitzte Lehne trägt, begegnete
uns gleichfalls einige Male. Als einfache Nachahmung unter den Ar
beiten des Tyroler Schnitzers Alois Ueberbaeher, in phantastisch
reicher Ausbildung in der Ausstellung des Florentiners Frullini.
Bettstellen waren in grösster Mannigfaltigkeit ausgestellt,
hauptsächlich in der österreichischen Abtheilung. Hier durchgehends
einschläfrige, während Engländer, Franzosen und Italiener der breiteren,
sogenannten zweischläfrigen Bettstelle für reichere Einrichtungen stets
den Vorzug gegeben hatten. In. ihrem Streben nach Prunkentfaltung
hatten die Wiener seltsamer Weise zum grossen Theil ein sehr nahe
liegendes Erforderniss der Bettstelle übersehen. Weit vorspringende
Gesimse an Kopf- und Fusspfosten hinderten nicht nur die genaue
Aneinanderstellung zweier derartiger Möbel, sie würden auch durch