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Full text : Holz-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 18

I.  Die  Erzeugnisse  der  Möbeltischlerei  etc.  393
Tendenziöser  Schmuck  und  Inschriften.
Wie  Aufbau  und  Ornament  eines  Möbels  durch  die  Bestimmung
desselben  formgebend  beeinflusst  werden  ,  so  besteht  auch  ein  Zusammenhang ­
  zwischen  jener  Bestimmung  und  der  Bedeutung  des
Schmucks.  Dieser  Zusammenhang  wird  von  der  herrschenden  Stilrichtung ­
  wenig  beachtet.  Begnügte  sich  doch  auch  die  Renaissance  in
der  Regel,  diesen  Schmuck  im  rhythmisch  abgewogenen,  den  Grundformen ­
  gefällig  angeschmiegten,  froh  belebten  Spiel  der  Arabesken  zu
suchen,  dabei  ihr  Rankenwerk  mit  den  Putten,  'den  Lacerten  und
pickenden  Vögeln,  mit  den  phantastisch  ungeheuerlichen  Mascarons  und
Fabelthieren,  mit  den  vielgestaltigen  Zierschildern  und  Trophäen  aller
Art  in  heiterer  Naivetät  zu  verwenden,  ohne  viel  zu  fragen,  ob
Schmuck  und  Geschmücktes  in  tieferem  Zusammenhang  standen.  Gegen
diese  Auffassung  und  gegen  ihre  Nachfolge  bei  den  Neueren  Hesse
sich  nun  nicht  viel  einwenden,  wenn  der  Ornamentist  dabei  verharrte  nur
ein  zum  Gegenstände  indifferentes  Ornament  zu  verwenden,  d.  h.  kein
solches,  welches  durch  naheliegende,  in  Wort  oder  Bild  bestimmt  ausgesprochene ­
  Bezüge  auf  gemeinverständliche  Weise  den  Vergleich  herausfordert
  mit  den  Zwecken,  denen  das  Möbel  dienen  soll.
Es  mag  Fälle  geben,  in  denen  die  Tendenz  des  Schmuckes
nicht  auf  den  geschmückten  Gegenstand  gerichtet  ist,  sondern  auf
ein  ausser  ihm  Liegendes,  etwa  auf  ein  persönliches  Verhältniss  des
Bestellers  oder  auf  einen  in  Aussicht  genommenen  Käufer  abzielt.
In  solchen  Fällen  wird  der  Uneingeweihte  leicht  die  Tendenz  des
Schmuckes  missverstehen;  sie  sind  aber  nur  Ausnahmen,  in  der  Regel
werden  wir  befugt  sein,  jeden  t  endenziösen  Schmuck  auf  seine  innere
Berechtigung  anzusprechen.  Betrachten  wir  in  diesem  Sinne  die  Möbel
und  das  Holzgeräth  der  Wiener  Ausstellung,  so  finden  wir  bald,  dass
auch  auf  diesem  Gebiete  viel  zu  lernen  und  mehr  noch  zu  verlernen
bleibt.  —  Vielfach  vermissen  wir  Rücksichten,  auf  welche  das  einfachste
Nachdenken  hätte  führen  können;  nur  zu  häufig  begegnet  uns  willkürliches ­
  Spiel  mit  Darstellungen,  deren  Tendenz  herkömmlich  feststeht
oder  in  der  Natur  der  Sache  liegt.  Doch  fehlt  es  auch  nicht  an  Besserem: ­
  Wenn  Gueret  fr  eres  die  Füllungen  der  oberen  Seitenthüren
ihres  Raritätenschrankes  mit  allegorischen  Frauengestalten  im  Geschmack ­
  der  Spätrenaissance  zieren,  deren  eine  sich  als  „Chymia“,
die  andere  als  „Physica“  zu  erkennen  giebt,  so  stimmt  das  nicht  übel
zu  den  Stücken  alten  Sevres’,  zu  den  Limousiner  Emaillen,  und  den
anderen  raren  Kostbarkeiten,  welche  auf  den  mit  dunkelrothem  Seidenstoff ­
  beschlagenen  Börtern  hinter  dem  Spiegelglas  der  Mittelthür  prunken ­
  sollen.  —  An  Irmler’s  Gewehrschrank  sind  als  Seitenstücke  zu
sehen  Diana  und  St.  Hubertus,  während  in  dem  Halbrund  über  der
mittleren  Nische,  welche  das  Walfengestell  enthält,  ein  die  Fuchsjagd
            
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