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Gruppe VIII. Holz - Industrie.
Wenn Venedig neben Florenz, Siena und Rom mit Ehren bestand
verdankte es diesen Erfolg weniger der Zahl seiner Aussteller als den
meisterlichen Arbeiten zweier Brüder, des Valentino Panciera, ge
nannt Besarel, und des Francesco Panciera, gebürtig ausZoldobei
Belluno und Abkömmlinge einer Familie, die seit den Zeiten des viel-
gerühmten venetianischen Holzschnitzers Brustolone derselben Kunst
obliegt und sich rühmt, ihr Urahn Besarel sei des Letzteren Schüler
gewesen. Seines Zeichens ein Bildhauer, hat Valentino Besarel
sich anfänglich nur aus Rücksicht auf leichteren Absatz von dem Mar
mor Carrara« zum „Cirmolo“, dem Holz der Zirbelkiefer, gewendet
m dem er nunmehr ausschliesslich arbeitet, so weit ihm nicht der
Wunsch seiner Besteller edleren Stoff, das Nussholz oder den Marmor
gestattet,- Für den Marquis of Bath hat Besarel im vorigen Jahre
eine als sehr gelungen geschilderte Marmorreplik des Kamins in der
Sala delF Anti-Collegio des Dogenpalastes gemeisselt. Den grossen Ka
mm von Nussholz, welcher in Wien zu sehen war, hatte er auf Bestel
lung und nach Angabe des russischen Generalmajors Peter Durnowo
angefertigt. In den lebensgrossen Karyatiden mit der gewaltigen Mus-
culatur, welche mit ihren Schultern den lastenden Sims stützen, ist mit
Geschick auf jene kraftvoll bewegten Gebälkträger zurückgegangen,
welche an bekannten Wandgetäfeln der venetianischen Barocke bewun-
dert werden. Dass für die Verkleidung der Feuerstätte ein brennbarer
."stoff gewählt, mag der Besteller verantworten. Wie die Preise der
übrigen Arbeiten Besarel’s muss derjenige dieses Kamins, 4000 Lire
(3000 Rmk.), als ein sehr massiger erwähnt werden. Es verdient dies
um so grössere Anerkennung, als es den italienischen Kunsthandwerkern
dem Fremden gegenüber auf einige Tausende nicht anzukommen pflegt,
die freilich auch nicht immer gezahlt zu werden brauchen. — Bei sei
nen Cirmolosculpturen hat Besarel es seiner eigenen Aussage nach
mehr auf gute Gesammtwirkung als- auf minutiöses Detail abgesehen —
sehr richtig, da das weiche Holz wohl die Ausführung des letzteren ge
stattet, ihm aber keine Dauer sichert. Von den Arbeiten dieser Gattung
nenneii wir zwei für den Prinzen von Wales ausgeführte Candelaber-
von je fünf Putten gestützte Vasenträger (2000 Lire), und zwei geist
reich erfundene grosse Rahmen, welche für den Händler M. Guggen-
heim in Venedig bestellt, und nur dadurch dem Besarel in Wien zu
verdientem Lobe verhalten, dass der Preis von 900 Lire (für beide zu
sammen!) zu hoch befunden war. Der eine dieser ovalen Rahmen
stellte in heiterem Puttenspiel den Wahrspruch „L'unione fa la form“
(Einigkeit macht stark), der andere die Freuden des Tanzes dar. Musste
man hier tadeln, dass die stilistische Bedeutung des Rahmens und
dessen Symbolisirung im Ornament dem Figürlichen zu Lieb völlig
geopfert war, so verdiente die flotte Anmuth der Bewegungen dieser
in fröhlichem Spiel einander fassenden und haschenden Putten vollste