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I. Die Erzeugnisse der Möbeltischlerei etc.
Bergamo und ihrer Zeitgenossen wiedererwacht und bald regte sich
auch das Verlangen, ihre Werke der greulichen Verwahrlosung zu ent-
reissen, welcher sie während einer Periode allgemeiner Erschlaffung
und leichtlebiger Hingabe an fremde Formen anheimgefallen waren.
An der Herstellung alter Werke erstarkte das Verständniss der Neueren
für die alte Technik und die decorativen Reize der Renaissance. Von
da war es nicht weit zu eigenem Beginnen in derselben Richtung. Als
erster Versuch wird der „paliotto“ (Altarvorsatz) bezeichnet, den An
tonio Manetti als Bildner der figürlichen Reliefs, und Angiolo Bar-
betti als Schnitzer der ornamentalen Theile, in den zwanziger Jahren
für die Kirche der contrada della Tartuca in ihrer Vaterstadt Siena
anfertigten. Barbetti verlegte im Jahre 1830 seine Werkstätte nach
der toscanischenHauptstadt. AndereSieneser folgten: Pietro Giusti,
der als Zeichenlehrer an die Akademie der schönen Künste und im Jahre
1862, als die zweite Londoner Weltausstellung seinen Landsleuten die
Augen geöffnet hatte, als Lehrer des Zeichnens und der Holzbildhauerei
an das mit dem Gewerbemuseum zu Turin verbundene technische Insti
tut berufen wurde; Pasquale Leoncini, der jetzt noch als Lehrer an
der vor einigen Jahren zu Florenz begründeten „ Scuolci d iutciglio
thätig ist 1 ). Junge Florentiner folgten ihrem Beispiel: Francesco
Morini, Luigi Frullini, Egisto Gajani, die uns alle Drei in Wien
als Aussteller begegneten, und von denen die letzteren beiden jetzt
Lehrwerkstätten in der letztgenannten Schule leiten.
So rückhaltlos wir auch die Vorzüge der Arbeiten dieser und an
derer Florentiner und Sieneser anerkennen — ein Tadel trifft sie alle
gemeinsam. Geschmackvoll und phantasiereich .in der Erfindung orna
mentaler Füllungen, meisterlich in der freien Behandlung des Ornamen
tes und der Figuren, zeigen sie insgesammt kein Verständniss für die
Composition eines Möbels als solchen. Das Möbel scheint nur so viel
Werth für sie zu haben, als es ihnen Flächen und Glieder für die Ent
faltung ihrer decorativen Kunst darbietet. Um einen Aufbau nach
tektonischen Grundsätzen und Rücksichten der Zweckbestimmung küm
mern sie sich wenig, so wenig, dass sie schliesslich desselben ganz ent
behren zu können vermeinen und sich mit der Herstellung geschnitzter
Platten begnügen, die keinem Zweck genügten, wenn es nicht diesseits
der Alpen Gewerbemuseen und Gewerbeschulen gäbe. Das führt so
weit, dass den Platten am Ende jede vernünftige Form abhanden kommt,
wie mehreren nach unten verjüngten keilförmigen Platten Frul-
lini’s. An die Composition von Tischen und Stühlen scheint man
i) Vorsitzender des Verwaltungsrathes dieser Holzschnitzerschule ist Graf
Carlo Finocchietti, dessen bereits angeführter, in den Annalen des Mi
nisteriums für Ackerbau, Gewerbe und Handel veröffentlichter Abhandlung
ich die obigen Daten verdanke. “• ■