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Full text: Holz-Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 18

432 Gruppe VIII. Holz-Industrie. 
bald zu einer wilden Ueberwucherung des Decorativen über das Tekto 
nische führen soll, wie sie unausbleiblich ist, wenn die Composition der 
Möbel auf die Dauer und ausschliesslich den Händen von Holzbildhauern 
anvertraut bleibt, welche im Möbel zunächst nur das Gerüst, die Gelegen 
heit zur Entfaltung ihrer besonderen Kunstfertigkeit sehen. Der Sieg, 
welchen die Toscaner mit ihren plastischen Holzarbeiten über alle in 
Wien concurrirenden Nationen davontrugen, wird dem Lande auf die 
Dauer nur dann nützen, wenn die genannten Anstalten und Schulen 
nun auch ihre Schüler dahin führen, Möbel zu entwerfen, die würdig 
sind, mit ihren wunderschönen Holzschnitzereien geschmückt zu werden. 
Nicht so zahlreich wie die Florentiner waren die Sieneser Holz 
schnitzer in Wien erschienen, aber die wenigen zeigten, dass Siena, 
wie tüchtige Kräfte es auch an die verkehrsreichere Hauptstadt abgab, 
derer noch immer besitzt, welche den Florentinern Ebenbürtiges leisten. 
Guidi, Gori e Querci boten unter anderem einen ovalen, aus 
Nussholz geschnitzten Rahmen, der an kunstvoller Arbeit dem Besten 
gleich zu achten war, was von Frullini und Morini ausgestellt: 
hoch erhabenes, fast völlig rund gearbeitetes Rankenwerk mit Vöglein 
und wunderhübschen 'Putten umspannte ein ovales Bildfeld, in welches 
ein äusserst zart behandeltes Relief aus lichtgelbem Holze, das eine auf 
ihrem Rade vorübereilende Fortuna darstellte, eingelassen war. Zu ta 
deln war hier nur, dass die Breite der Umrahmung zur Bildfläche in 
keinem guten Verhältniss stand. Diese übertriebene Entwickelung des 
Rahmens gegenüber dem Eingerahmten, wie sie heutigen Tages 
z. B. für die Miniaturgemälde Meissonnier’s und seiner Nachahmer üblich, 
erscheint nur in Ausnahmefällen zulässig, wo es gilt, ein Bild, eine 
Sculptur, eine Gemme von kleinen Dimensionen und hohem Kunstwerthe 
als etwas ganz Besonderes schon von Weitem zu kennzeichnen. In der 
Regel wird freilich ein Kunstwerk, welches solchen Rahmen fordert, 
gai nicht an die Wand gehören, sondern schicklicher anders gefasst 
werden. 
^ on Antonio Ro ssi’s Kunstfertigkeit zeugte eines jener Kästchen, 
deren typisches Vorbild im Palazzo publico zu Siena als Werk Barile’s 
gilt. Dasselbe war aus Nussholz gearbeitet und gleich gut gegliedert 
wie geschmückt. Nur die Mascarons auf den Ecken des rechteckigen 
Deckels waren missglückt, da die Symmetrie, auf welche sie als mensch 
liche Bildungen Anspruch hatten, durch die Lage ihrer Längenaxe in 
der Diagonale des Rechteckes verschoben worden. 
Nicodemo Ferri und Carlo Bartolozzi hatten eine Bank mit 
Seiten- und hoher Rückenlehne und geschnitzter Vorderplatte unter 
dem Sitzbrett ausgestellt — eine freie Nachahmung der schönen Ge- 
stuhle Riccio’s im Dom zu Siena. Das schönste Stück, mit dem Siena 
in V ien glanzte, war des Genannten Bett im Stil der Frührenaissance.
	        
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