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Gruppe VIII. Holz-Industrie.
Nicht nur bei Stücken so ausgesuchter Art wie dieses fiel die
Sorgfalt der Schlosserarbeit an den Pariser Möbeln auf, wenn man
damit verglich, was unter ähnlichen Ansprüchen von den Deutschen
geboten war. Bequeme Handhabung des sicheren Verschlusses und,
wo es erforderlich, seine Sicherung durch mannigfaltige nur dem Ein
geweihten zugängliche Vorrichtungen, Herstellung der Schlüssel in
solcher Kleinheit und mit solchen Verzierungen, dass sie ohne Be
schwerlichkeit in der Tasche getragen werden können, das sind Vor
züge, welche schon den nur auf’s Praktische gerichteten Sinn zur Nach
eiferung anspornen sollten, zu geschweigen der weiteren Auszeichnung
durch gefällige Formen. Die Holzarbeit an dem besprochenen Schrank
zeigt weder figürlichen noch Arabeskenschmuck, reine Schreinerarbeit,
von vollendeter Genauigkeit, bei aller Einfachheit von sehr schöner
Wirkung. Das Ebenholz, der blanke Stahl, der rothe Atlas, mit dem
das Innere ausgekleidet ist, stimmen trefflich zusammen. — Des hüb
schen Schrankes mit Relief-Intarsia ist bereits gedacht worden (S. 409). —
Ein ausgezeichnetes Stück war auch der Nussbaumtisch mit Zinnein
lagen. Ausgezeichnet ebenso durch die geistreiche Aufnahme jener
oben beschriebenen Tischform des 16. Jahrhunderts (S. 388) wie durch
die eigenartige lechnik, welche uns in der Ausstellung nicht wieder
begegnet ist. Das Metall, aus dem die Einlagen bestehen, der Angabe
Roudillon’s nach Zinn, ist nämlich nicht nach Art der gewöhnlichen
Bouletechnik zugleich mit dem Holz fournierartig behandelt, sondern
in die in das volle Holz gegrabenen Vertiefungen eingelegt und dann
gravirt. Wo breitere Mächen sich bieten, insbesondere auf Platte und
Zarge, zeigen die Einlagen zierliche Bandverschlingungen und Laub
werk mit Anklängen an die Schweifarabesken vom Ende des 16. Jahr
hunderts, an den Stützen feine Bänder und Streifen, die stets der Form
des Gliedes richtig sich anschmiegen. Die Gliederungen, sowohl die
jenigen der gedrechselten senkrechten Theile, wie die mit dem Hobel
gezogenen an Plattenrand und Rahmenwerk, sind mit schönen Profilen
klar ausgesprochen. — Ein Salonschrank aus ebonisirtem Birnbaumholz
legte Zeugniss dafür ab, dass Roudillon auch im Figürlichen minde
stens ebenso Gutes leistet, wie irgend ein er seiner Landsleute. Die sehr
schönen Reliefs sind hier im richtigen Stilgefühl medaillenartig flach
behandelt. Ein vierter mit vergoldeter Bronze beschlagener Schrank
repräsentirte den Stil Louis XVI. Der Körper desselben besteht aus
Ebenholz mit Einlagen von Amarant- und Amboinaholz, die durch Linien
von Buchsbaumholz getrennt werden; in den FüUungen Imitationen chi
nesischer Lackmalereien mit bunten Perlmuttereinlagen, eine mehr son
derbare als nachahmenswerthe Leistung. Seltsam, dass fast Jeder,
welcher im Abendland den technischen Vorbildern der Ostasiaten folgt,
wie unter einem Zauberbann sofort ihre Darstellungen copiren zu müs
sen meint, anstatt ihre Technik auf uns eigene Formen anzuwenden.