I. Die Erzeugnisse der Möbeltischlerei etc. 4(>1
Beispiele jenes noch vor nicht langer Zeit modernen Stiles, der durch
Verflachung und Verarmung aus dem Rococo des 19. Jahrhunderts
hervorgewachsen war. Wahrhaft erschreckende Beispiele von Unge
schmack waren L. L. Slootmaeker’s in Breda Damenschreihtisch von
polirtem Nussholz mit aufgeklebten bunten Bildchen in „PoticJiomanie
und H. A. J. Krüger’s in Leiden runder Tisch, auf dessen sehr ein
fachem , aus schwarzem Holze verfertigtem Fussgestell in einem Rah
men eine grosse Glasplatte lag, unter welcher viele Tausende von ab
gestempelten Briefmarken zu einem sternförmigem Muster zusammen
geklebt waren, ausgeboten zu 5000 fl.! Wir wagen von diesen wenigen
Beispielen keinen gültigen Schluss auf die niederländische Möbelindu
strie im Allgemeinen, gelangen jedoch kaum zu besseren, als den durch
dieselben in Wien erregten Erwartungen, wenn wir zum Vergleiche
heranziehen, was die Niederlande daselbst auf anderen kunstgewerb
lichen Gebieten geleistet haben.
Grossbritanniens Möbelausstellung, obwohl nur von 15 Ausstel
lern beschickt, gewährte ein höchst bedeutendes Bild von der hohen
Stufe, zu welcher sich die englische Luxusmöbelindustrie seit einem
Jahrzehnt emporgeschwungen hat. Freilich kann England zur Zeit noch
nicht der französischen Möbelindustrie den ersten Rang streitig ma
chen, schon sind jedoch Leistungen nicht selten, welche den besten Pa
riser Arbeiten völlig ebenbürtig, und neben solchen, welche den fran
zösischen Einfluss nicht verleugnen, fallen eigenartige auf, welche,
wenngleich noch weniger entwickelt, auf eine verheissungsvolle, von
den Pariser Vorbildern befreite neue Richtung deuten.
Für den Umschwung, welchen die englische Möbelindustrie seit
der Londoner Ausstellung des Jahres 1862 erfahren hat, ist es ausser
ordentlich bezeichnend, dass der amtliche Berichterstatter der Zoll
vereinsregierungen damals den Gesammtcharakter der englischen Möbel
dahin kennzeichnen konnte, bei denselben spiele die Fläckenyerzierung
durch Einlagen verschiedener Art eine geringere Rolle, ab bei den fran
zösischen; nur wo man dem Bestreben, französisches Original und fran
zösischen Geschmack als Muster zu nehmen, nachhänge, trete die einge
legte Arbeit auffallender hervor; der am häufigsten angewendete Schmuck
sei reiches Schnitzwerk, nicht immer glücklich im Entwurf und mit einer
Sorgfalt ausgeführt, die bisweilen nur zu sehr sichtbar. — Im Jahre
1873 dagegen herrschte die eingelegte Arbeit in vielfachen Abarten
vor allen anderen decorativen Hilfsmitteln der Möbelfabrikation durch
aus vor, so sehr, dass sie die Gesammterscheinung der englischen
Möbelabtheilung charakteristisch bestimmte, und dies keineswegs in
Folge häufigeren Vorkommens französirender Arbeiten; Schnitzwerk
war zur seltenen Ausnahme geschwunden, soweit, dass es selbst von
Capitälen, Akroterien und anderen ihrer Natur nach plastisches Orna-