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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 20

438

Gruppe  III.  Chemische  Industrie.
Kochsalzes  beeinflusst  wird.  Ist  kein  Kochsalz  zugegen,  so  sind  die
zuerst  abgeschiedenen  Niederschläge  ärmer  an  Soda  als  die  späteren,
indem  die  gleichzeitige  Ahscheidung  des  Sulfats  sich  vermindert.  Bei
Gegenwart  von  viel  Kochsalz  ist  das  Verhalten  umgekehrt,  die  ersten
Niederschläge  sind  am  sodareichsten,  später  mischt  sich  mehr  und  mehr
Kochsalz  hei.  Enthält  die  Lauge  gleichzeitig  viel  Kochsalz  und  Sulfat,
so  nimmt  der  Sodagehalt  der  Niederschläge  erst  zu,  bleiht  dann  eine
kurze  Zeit  stationär  und  fällt  nachher  wieder.  Das  Aetznatron,  welches
die  Ausfüllung  aller  drei  Salze  begünstigt,  bleibt  bis  zuletzt  in  der
Mutterlauge.
In  Betreff  der  Darstellung  von  krystallisirter  Soda  sind  keine
Neuerungen  zu  bemerken.
Aetznatron.  Zu  dessen  Gewinnung  dient  wie  bekannt  die
Mutterlauge  von  der  Abscheidung  des  Sodasalzes.  Soll  dieselbe  reich
an  Aetznatron  werden,  so  wird  schon  hei  der  Herstellung  der  Rohsoda
die  Menge  der  Steinkohle  in  der  Leblanc’schen  Mischung  etwas  vergrössert,
  die  Schmelzung  länger  andauern  gelassen  und  die  nachherige
Auslaugung  mit  Wasser  von  50°Temp.  vorgenommen.  Nachdem  durch
Concentriren  die  Abscheidung  des  Natriumcarbonats  und  der  anderen
Salze  bewirkt,  worden  ist,  wird  die  durch  Schwefelnatrium-Schwefeleisen
roth  gefärbte  Mutterlauge  (Rothlauge)  in  eisernen  Kesseln  weiter  eingedampit.
  Hierbei  ist  es  nun  nöthig,  die  Schwefel  Verbindungen  zu  zerstören ­
  ,  und  man  hat  dies  bis  vor  wenigen  Jahren  namentlich  auf  die
Weise  bewerkstelligt,  dass  man  in  die  bis  auf  eine,  Temperatur  von
ungefähr  155"  erhitzte  Masse  Natronsalpeter  eintrug,  wodurch  unter
Ammoniak-  und  Stickstoffentwickelung  das  Schwefelnatrium  zu  Sulfat
und  das  Schwefeleisen  zu  Eisenoxyd  oxydirt  wird.  Um  den  Verbrauch
an  Natronsalpeter  zu  verringern,  kann  die  Lauge  vor  dem  Eindampfen
mittelst  atmosphärischer  Luft  nach  den  bereits  oben  angeführten  Vertahren
  von  Gossage  oder  Hargreaves  zum  Theil  oxydirt  werden 1 ).
Diese  Entschwefelungsmethode  ist  gegenwärtig  vollständig  durch
eine  andere  verdrängt  worden,  welche  W.Helbig 2 )  vorgeschlagen  hat.
Nach  derselben  werden  die  Aetzlaugen  wie  gewöhnlich  in  gusseisernen
Kesseln  eingedampft,  wobei  zunächst  ein  Concentrationsgrad  eintritt,
hei  welchem  Zersetzung  der  in  der  Flüssigkeit  enthaltenen  Cyan-  und
Ferrocyanverbindungen  unter  Ammoniakentwickelung  und  Abscheidung
von  Graphit  erfolgt.  Ist  das  hierdurch  bewirkte  Aufschäumen  vorüber,

*)  A -  w -  Hofmann,  Reports  by  the  Juries  1862,  27,  28.  Daselbst  ist
auch  bereits  das  Verfahren  von  Ordway  (Zusatz  von  Eisenoxyd)  angeführt.
Das  im  Handel  vorkommende  mit  Natronsalpeter  behandelte  Aetznatron  enthält ­
  oft  erhebliche  Mengen  von  Natriumnitrit.  2 )  W.  Hel  big,  Engl.
Pat.  1870,  5.  Juli,  Nro.  1903;  Dingl.  pol.  J.  206,  375;  Wagn.  Jahresber.
1872,  257.
            
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