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Gruppe III. Chemische Industrie.
In unseren grossen Städten haben wir längst die unliebsame Er-
a rung gemacht, dass der Einfluss einer verunreinigten Atmosphäre auf
das Wachsthum der Bäume sich schon lange erkennen lässt, ehe noch eine
Verringerung des durchschnittlichen Lebensalters der in dieser Atmo
sphäre lebenden Bevölkerung wahrnehmbar geworden ist. So findet
man z. I>. in London, einer Stadt, deren Bevölkerung im Verhältniss
zu derjenigen kleinerer Städte eine im Ganzen bemerkenswerth ge
sunde ist,, in welcher besonders die besser gestellten Classen der Ge
sellschaft im Vergleich mit den Bewohnern von Landstädten und Dör
fern einen auffallend guten Gesundheitszustand zeigen, dass eine grosse
Anzahl von Bäumen anfängt mehr und mehr unter den Bedingungen
welche von der fortschreitenden Civilisation unzertrennlich sind, dahin
zuwelken. Hier ist es der Steinkohlenrauch, welcher nach allen Beob
achtungen einen ganz besonders schädlichen Einfluss auf die Vegetation
ausubt. Nun ist dieser Steinkohlenrauch in London, zumal im Westen
der Stadt doch nur in äusserst geringer Menge vorhanden, so dass
namentlich die Umwohner der Squares und freieren Plätze nicht im
Entferntesten davon belästigt worden. Wenn nun gleichwohl an einem
solchen Orte die Bäume leiden, so kann es nicht auffallen, dass die
Pflanzen, welche dem Qualm massenhaft verbrannter Steinkohle aus
gesetzt sind, wie ihn Coke- und Eisenwerke und andere Fabriken ent
wickeln, in kurzer Zeit ihr frisches Grün verlieren und schliesslich
völlig absterben. Keiner, der gewerbthätige Districte Englands besucht
hat, kann sich der Ansicht verschliessen, dass die bezeichneten Uebel-
stände sich an vielen Orten in empfindlicher Weise geltend machen,
und dass man darauf vorbereitet sein muss, denselben in noch erhöhetem
Maasse zu begegnen, wenn sich die Zahl der Fabriken in einem ge
gebenen District noch weiter vermehrt.
Aber hiermit sind die Belästigungen, welche der Bevölkerung einer
industriereichen Gegend aufcrlegt sind, keineswegs erschöpft. Neben
dem Qualm der Steinkohlen, welche mit seltenen, wenn überhaupt einer
Ausnahme stets erhebliche Mengen Schwefel enthalten, macht sich vor
Allem der nachtheilige Einfluss saurer Dämpfe bemerklich, welche einer
ganz anderen Quelle entstammen, nämlich der Einwirkung der Schwe
felsäure auf das Kochsalz behufs seiner Umwandlung in Glaubersalz
und schliesslich in Natriumcarbonat. Diese Dämpfe diffundiren weniger
leicht als die aus dem Schwefel entsandene schweflige Säure in die
höheren Luftschichten, sondern haben im Gegentheil eine Neigung,
sich zu Boden zu senken und in feuchter Luft saure Lösungen
zu bilden. Wir haben im Vorstehenden einige der Bedingungen an
gedeutet, durch deren Zusammenwirken die Atmosphäre ganzer Län
derstrecken in einen Zustand versetzt werden kann, welcher sich mit
der Atmosphäre eines schlecht ventilirten Laboratoriums vergleichen
lässt.