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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 20

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Gruppe III. Chemische Industrie. 
fication übergeht. Diese bindet das Wasser in geringerer Menge, als 
gewöhnlich gebrannter Gyps, ungleich langsamer, erst nach Verlauf 
von Wochen, während das Erhärtungsproduct grössere Dichte, grössere 
Schwere, als gewöhnlicher Gypsguss und ein anderes Ansehen annimmt. 
Es ist alabasterartig durchscheinend, nicht erdig matt, sondern zeigt 
einen leichten Glanz. Nach dem Erhärten verhält sich der hydrau 
lische Gyps, wenn er wieder bei 150° entwässert ist, wie gewöhnlicher. 
Aus den Scbott’schen Versuchen geht hervor, dass der Gyps bei 170 
bis 200° sein Wasser vollständig verloren hat; die Temperatur, bei 
welcher der Gyps aufhört, mit Wasser rasch zu erstarren, liegt nach 
demselben Chemiker gegen 300°; nach einer Arbeit des Hrn. Zeidler 1 ) 
über die Entwässerung des Gypses bei 200. bis 240°. Man kann so 
folgende fünf Zustände des Calciumsulfats unterscheiden: 
1) krystallisirter wasserhaltiger Gyps (wie der natürliche) mit 
20'93 Prob. Hydratwasser; 
2) dreiviertel entwässerter mit 4'27 Proc. Hydratwasser. Derselbe 
erstarrt mit Wasser rasch; er wird gewöhnlich von den Bild- 
giessern angewendet; 
3) völlig entwässerter; die Temperatur hat dabei 200° nicht über 
stiegen ; derselbe erstarrt ebenfalls rasch mit Wasser; 
4) Anhydrit; nimmt das Wasser langsam erst nach längerer Zeit 
auf; aber nicht hydraulisch; 
5) bei 400 bis 500°, beziehungsweise Rothgluth; gebrannter 
Gyps oder Anhydrit; nimmt ebenfalls das Wasser langsam auf, 
erhärtet aber hydraulisch 2 ). 
Dieser hydraulische Gyps eignet sich ausser zu Cement (vgl. den Art. 
Mörtel und Cement) auch trefflich zu Stuck, zur Herstellung kleiner 
Utensilien und dürfte auch den Bildgiessern zu empfehlen sein. 
Das Erhärten des gewöhnlich gebrannten Gypses kann verzögert 
werden. Es ist dies nicht ohne Wichtigkeit, wenn man bedenkt, dass 
man oft kaum eine Minute Zeit hat, um den Gypsteig zu formen und 
zu Kitt verwenden zu können. Hr. C. Pu geh er :J ) in Nürnberg hat 
diesem Uebelstande nun dadurch abgeholfen, dass er dem gebrannten 
gepulverten Gypse 2 bis 4 p. C. fein gepulverte Eibischwurzel (Al- 
thaeawurzel) zufügt und die innige Mischung mit 40 p. C. Wasser 
zum Teige knetet. Durch den grossen Gehalt der Eibischwurzel an 
Pflanzenschleim (50 p. C.) erhält man eine dem fetten Thone glei 
chende Masse, die erst nach einer Stunde zu erhärten beginnt und 
nach dem Trocknen so zähe und fest ist, dass sie sich feilen, schneiden, 
drehen und bohren lässt. Sie gestattet daher eine sehr vielseitige’ 
Verwendung. Zu Gypsformen, Kitt, zu allerlei kleinen Gegenständen, 
>) Zeidler, Dingl. pol. J. CLXXX, 471. 2) Vergl. damit die Resultate, 
welche Hr. Landrin kürzlich, Compt. rend. LXXIX, 231, veröffentlicht hat 
V Pusch er, Ding], pol. J. CLXXXXI, 344.
	        
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