562
Gruppe III. Chemische Industrie.
10 p. C. gewonnen. Da nun von diesem Abraumsalze im Jahre 1872
beispielsweise in Stassfurt 4 Millionen Centner, im benachbarten Leo
poldshall 6 Millionen, in Summe also 10 Millionen Centner gefördert
wurden, so könnte sich die Production an Kieserit auf 1 Million
Centner per Jahr belaufen. Trotz des sehr bedeutenden Exportes nach
England und Amerika trat in Stassfurt eine Ueberproduction ein, wie
dies bei leicht gewinnbaren Fabrikaten immer der Fall zu sein pflegt.
Der Preis des Kieserits wurde dadurch auf ein Minimum, auf 3 Pfg.
pro Centner, herabgedrückt. Ein Theil der Fabrikanten gab den
Kieseritbetrieb wieder auf; und augenblicklich wird ungefähr !/ s von
dem producirt, was gewonnen werden könnte, wenn die Fabrikanten
Werth auf den Artikel legten. Dies Drittel repräsentirt das immerhin
respectable Quantum von 360 000 Ctr. per Jahr 1 ).
Der grösste Theil dieses Bittersalzes wird in England zur Appretur
leichter baumwollener Gewebe benutzt. In Manchester allein werden
zu diesem Zwecke wöchentlich 3000 Centner verbraucht. England
producirte vor der Entwickelung der Kieseritindustrie jährlich etwa
240000 Ctr. Magnesiumsulfat aus Dolomit. Nach Hrn. J. H. Swin-
dells 2 ) wird dabei in folgender Weise verfahren. In einen hölzernen,
mit dicken Bleiplatten (am Boden und drei Fuss hoch an den Wänden
sind Steinplatten) ausgefütterten Kasten werden etwa 60 Ctr. Dolomit
gebracht. Dazu kommen 12 Ballons Schwefelsäure und so viel WAsser,
dass die Flüssigkeit ein Volumgewicht von P125 bis 1*150 hat.
Dann wird Dampf eingelassen. Nach 8 bis 12 Stunden, wenn die
Flüssigkeit genügend neutral ist und ein Volumgewicht von 1*2 bis
1'25 zeigt, wird sie in ein grosses Absatzgefäss abgelassen, wo sie
noch genau neutralisirt wird und etwa vorhandenes Eisen ausgefällt
wird. Nach drei bis vier Stunden wird sie in eiserne Abdampfpfannen
gehebert und bis zu einem Volumgewicht von 1*33 concentrirt. Dann
kommt sie in Kühlgefässe aus Holz oder Stein, in welchen das Salz
krystallisirt. Die Darstellung der schwefelsauren Magnesia aus Kieserit
ist offenbar vortheilhafter und ist berufen, die Darstellung aus Magnesit
oder Dolomit vollständig zu verdrängen.. Nach neueren Nachrichten 3 )
wird der einzige englische Fabrikant, welcher noch Magnesit anwendet,
diese Fabrikation aufgeben, um gleichfalls das Bittersalz aus Kieserit
darzustellen.
Die Verwendungen des Kieserits 4 ) werden immer vielseitiger.
Der Hauptconsum findet, wie schon oben erwähnt wurde, in den
Appreturanstalten Englands zum Beschweren der baumwollenen Ge-
4 ) Diese, sowie manche andere Angaben über die Stassfurter Magnesia
industrie verdankt der Berichterstatter dem ausserordentlich bereitwilligen
Entgegenkommen des Hrn. Dr. H. Grüneberg. 2 ) Swindells, Wa'gn.
Jahresber. 1867, 252. 3 ) Privatmittheilung von Seiten des Hrn. Dr. H.
Grüneberg. 4 ) H. Grüneberg, Ber. d. chem. Ges. 1872, 840.