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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 20

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Gruppe III. Chemische Industrie. 
einer schädlichen Gegenwirkung der Ausdehnung gegen den Zusam 
menhang, also zum Treiben, die bei dem Gypscement sehr hoch ist. 
Der äusserste Gegenfüssler des Portlandcements ist der gewöhn 
liche Kalk, bei dem die Anwendung gerade auf einem weitgetriebenen 
Grade yon Treiben als regelmässige, und darum normal angesehene, 
Erscheinung beruht. Die Ursache dieses hochgradigen Treibens ist 
nicht sowohl die Menge des zur Bindung kommenden Hydratwassers, 
als vielmehr die Energie, in deren Folge die starke Wärmeentwicke 
lung, bei der Bindung des Hydratwassers. Sie ist nach W. Wolters ] ) 
so gross, dass das beim Löschen des Kalks unter gewöhnlichen Um 
ständen überschüssig eingesaugte Wasser plötzlich in Dampf verwan 
delt wird und die ohnehin lockere Masse des Kalks sozusagen in seine 
Molecule zersprengt. Daher das ungeheure Aufgehen oder „Gedeihen“. 
Nichtsdestoweniger ist diese so regelmässige Erscheinung bei der Bin 
dung des Hydratwassers, als blosse Function der bedeutenden Wärme 
entwickelung, keineswegs vom Kalke unzertrennlich; sie ist zunächst 
ein blosser Ausfluss der Manipulation und verschwindet mit geeigneter 
Abänderung der Art wie das Hydrat zu Stande kommt. Ein Stück 
gebrannter Kalk, einem Strom von Wasserdampf ausgesetzt, verwan 
delt sich vollständig in Kalkhydrat ohne die geringste Erscheinung des 
Löschens, ohne zu zerfallen, ohne aufzugehen ; keine äusserliche Verände 
rung ist bemerkbar. Natürlich, denn mit der Einführung des fertig 
gebildeten Dampfs, statt tropfbar flüssigen Wassers, ist jede Ursache 
der Sprengung der Theilehen weggefallen, ein Kalkstück bleibt ein 
zusammenhängendes Stück ohne Aenderung des Ansehens und der 
Form. Stampft man fein zerriebenen gebrannten Kalk in ein ver- 
schliessbares mit feinen Oeffnungen in der Wand versehenes Metall 
rohr und legt es unter Wasser, so verwandelt sich der Kalkstaub nach 
einigen Stunden in einen zusammenhängenden Stab aus Kalkhydrat, 
von der Festigkeit der Schreibkreide, in Folge einer reinen hydrau 
lischen Erhärtung. Das langsam eindringende Wasser, die ebenso 
rasch zerstreute als entwickelte Wärme, hindert das Treiben vollkom 
men; die sonst maskirten hydraulischen Eigenschaften des gebrannten 
Kalks enthüllen sich einfach. Der entscheidende Einfluss der Mani 
pulation zeigt sich in sehr klarer Weise auch bei dem gemeinen so 
genannten Luftmörtel. Wenn man den gebrannten Kalk, statt ihn 
vorher zu löschen, ungelöscht mit dem Sandversatz einreibt und 
mischt, und zuletzt das Wasser zusetzt, so erhält man ein Gemenge, 
was kein Maurer für Mörtel ansprechen wird. Der Kalk bildet dann 
keine zarte rahmige Masse, er geht nicht auf, er löscht sich nicht 
nach dem gewöhnlichen Begriff, das Gemenge bleibt kurz wie Sand 
und Wasser allein. Die Kalktheilchen, durch die Sandkörner isolirt 
*) W. Wolters, Dingl. pol. J. CXCVI, 343.
	        
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