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Gruppe III. Chemische Industrie.
Eigenschaften und Anwendung der Thonerde und ihrer
Verbindu nge n.
Das Aluminiumoxyd, Al 2 0 3 , die Thonerde, ist ein weisser Körper,
der im stärksten Ofenfeuer unschmelzbar ist; nur in der Hitze des
Knallgasgebläses schmilzt es zu einem dickflüssigen Liquidum. Thon-
erdehydrat, Al 2 (HO) 6 , wird durch Ammoniak aus Thonerdesalzen als
weisse gelatinöse Masse gefällt, aus der Lösung eines Alkalialuminats
durch Kohlensäure in krystallinischejn Zustande. Bei gelindem Er
hitzen verliert es unter plötzlichem Erglühen und starker Zusammen
ziehung sein Hydratwasser. Die Thonerde ist sowohl Basis als Säure
und ist nach beiden Lichtungen hin für die Technik von grösster Wich
tigkeit. Als feuerbeständige Säure vermag sie bei hoher Temperatur
die Kohlensäure, den Schwefelwasserstoff, die Salpetersäure, die Schwe
felsäure letztere beiden allerdings theilweise zersetzt und zwar
erstere mit Untersalpetersäure gemengt, letztere als ein Gemisch von
schwefliger Säure mit Sauerstoff — aus den Alkalisalzen dieser Säuren
auszutreiben. Dadurch dass sie auch als Base fungiren kann , ist sie
der Kieselsäure, mit der sie die Eigenschaft der Feuerbeständigkeit
theilt, überlegen. Von hervorragendstem Nutzen ist die grosse Ver
wandtschaft der Thonerde zu den Gespinnstfasern einerseits und den
Farbstoffen (mit Ausnahme der Theerfarben) andererseits, wodurch in
der Färberei und dem Zeugdruck die Verbindung des Farbstoffs mit
der I 1 aser vermittelt wird. Aus diesen Eigenschaften ergiebt sich
eine Menge von Anwendungen.
Die Thonerde für sich, wie sie uns in der Form von Bauxit zu
Gebote steht, kann ausser zu den bei der Beschreibung der Verar
beitung des Bauxits erwähnten Processen — Sodafabrikation und Dar
stellung von Thonerdeverbindungen — noch zu manchen anderen
Zwecken verwendet werden.
Man kann damit, wie Hr. Gaudin 1 ) zuerst für reine Thonerde
gezeigt hat, Schwerspath, der mit Kohle gemengt ist, aufschliessen. Es
entweicht schweflige Säure und es bildet sich in Wasser lösliches Ba-
riumaluminat, welches durch theilweise Neutralisation mit Salzsäure in
Chlorbarium und Thonerdehydrat übergeführt werden kann 2 ). Durch
Hinzufügen von Schwefelsäure kann man unlösliches Permanentweiss
und Thonerdesulfat erzeugen. Der Eisenoxydgehalt des Bauxits ist
von keinem Nachtheil, da ja bekanntlich Baryt das Eisenoxyd aus seinen
Lösungen vollständig fällt, also mit der Thonerde zusammen nichts in
Lösung überführen kann.
*) Gaudin, Compt. rend. LIV, 687; Dingl. pol. J. CLXIV, 379. a ) E.
Wagner, Bayer. Kunst- u. Gewerbeblatt 1865, 68, Wagn. Jahresber. 1865, 332.