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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 20

Ueber Zusammensetzung und Darstellung des Glases. 707 
ist, indem er unter Hinweis auf die Praxis und das Verfahren der 
1 abrikanten, beim Eintritt der Entglasung die Kalkmenge zu ver 
ringern, glaubt schliessen zu dürfen, dass allein der Kalkgebalt die 
Entglasung bewirkt, bestätigt le Clemandot 1 ) durch seine Erfahrun 
gen tbeilweise die Pelouze’scben Resultate. Derselbe fand, dass 
schnell abgekübltes mit Kieselsäure überladenes Natronglas (ohne Kalk) 
zwar nicht entglast, dass dies aber vollständig geschieht, wenn man 
das nämliche Glas recht langsam erkalten lässt. Letzteres wird in 
diesem Falle zu einer undurchsichtigen, feldspathähnlichen Masse, welche 
hei längerem Liegen unter Absorption von Feuchtigkeit zerfällt. Gerade 
durch diese Beobachtung werden die von Bontemps aufgestellten 
Behauptungen, dass Pelouze zu anderen Resultaten gelangt wäre, 
wenn er den Kalkgehalt verringert oder ganz beseitigt hätte und dass 
man bei hinreichend gesteigerter Hitze ein noch kieselsäurereicheres 
Glas, als es Pelouze erhalten hat, fabriciren könne, deutlich widerlegt. 
Gestützt auf die früheren Arbeiten, besonders die von Pelouze 
und auf die Resultate eigener Untersuchungen gelangte H. E. Benrath 2 ) 
zu den nachstehenden Schlussfolgerungen: 
1. Nach den bislang gemachten Beobachtungen ist jedes Glas 
unter gewissen Bedingungen entglasbar. 
2. 4 US den Untersuchungen von Pelouze geht hervor, dass 
hauptsächlich Gläser, welche mehr Kieselsäure enthalten, als der Zu 
sammensetzung eines Ditrisilicates (R2 > Si 3 0 7 ) entspricht, zum Krystal- 
linischwerden geneigt sind. 
3. Jedes entglaste Glas, sowohl das grobkrystallinische als auch 
das feinstrahlige, scheinbar durchgängig krystallisirte Glas ist ein 
Gemenge krystallinischer und amorpher Theile, gewissermaassen aus- 
geschiedener Krystalle und amorph erstarrter Mutterlaugen. 
4. Die theilweise krystallinische Structur ist jedoch an und für 
sich nicht besonders charakteristisch für die entglasten Gläser, denn 
auch bei den meisten anderen, dem Anscheine nach durchgängig amor 
phen Gläsern, welche eine geschmolzene, nicht polirte Oberfläche be 
sitzen , lassen sich, wenn man sie mit concentrirter wässeriger Fluss 
säure behandelt und die geätzten Stellen mit Schwefelsäure und Salz 
säure gut abwäscht, wie dies früher schoji Leydolt gezeigt hat, unter 
dem Mikroskope zahlreiche Krystallgruppen erkennen. 
5. Diese krystallinischen Theile, wenigstens manche, werden von 
Flusssäure langsamer angegriffen, als die übrige Glasmasse. Die Kry 
stalle sind jedoch zu klein, um sie sicher isoliren und in chemisch 
reinem Zustande untersuchen zu können. 
b Le Clemandot, Compt. rend. LIV, 415. J. f. prakt. Chem. CI, 496. 
Wagu. Jahresber. 1867, 358. 2 ) H. E. Benrath, Beiträge zur Chemie des 
Glases 1871. Dorpat 36. Wagn. Jahresber. 1871, 398. 
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