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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 20

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Die Soda-Industrie. 
und steckte dieselben sodann in eine grössere Masse geschmolzener 
Rohsoda, welche soeben aus dem Ofen gezogen worden war. Die Tiegel 
erlangten hierdurch noch fast vollständig die Temperatur, welche beim 
Schmelzprocess im Grossen angewandt wird, und es waren sowohl die 
Luft als auch die Feuergase abgeschlossen. Als nach dem Erkalten 
der Inhalt der Tiegel ausgelaugt wurde, resultirte eine Soda von nor 
maler Beschaffenheit. Bei einem weiteren Versuche wurden drei lieget, 
von welchen der erste gewöhnliche Sodamischung, der zweite reine 
Kreide, der dritte ein Gemenge von Kreide und Kohle enthielt, in der 
Sodaschmelze erhitzt; es ergab sich, dass während in dem ersten Tiegel 
die Rohsodabildung vollständig erfolgt war, in den beiden anderen keine 
Veränderung stattgefunden hatte. Es ist also zur Zersetzung des 
Calciumcarbonats selbst bei Gegenwart von Kohle eine höhere Tempe 
ratur nöthig, als zur Reduction des Natriumsulfats zu Schwefelnatrium, 
was nach Kolb nicht der Fall sein soll. Scheurer-Kestner nimmt 
deshalb an, dass die Sodabildung auf Kosten der Kohlensäure der Kreide 
stattfinde. Ersetzt man die letztere durch gebrannten Kalk oder Kalk 
hydrat, so lasst sich, wie er fand, dennoch im geschlossenen Tiegel eine 
Soda erzeugen, welche ganz frei von Aetznatron ist, es muss also in 
diesem Falle der Kalk die bei der Reduction des Natriumsulfats ent 
stehende Kohlensäure binden. Scheurer-Kestner beharrt demnach 
bei seiner früheren Erklärung des Zersetzungsprocesses und denkt sich 
die Vorgänge, welche im Sodaflammofen, dessen Beschickung immer 
eine mehrere Centimeter hohe Schicht auf der Sohle bildet, stattfinden, 
in folgender Weise: Die Reduction beginnt in den zunächst am stärksten 
erhitzten oberen Schichten, es entsteht Schwefelnatrium und zum Theil 
Aetzkalk. Wird umgekrückt, so nimmt der letztere wieder Kohlen 
säure auf, welche in den tieferen Schichten durch die Reduction des 
Natriumsulfats entsteht. Sowie das Schwefelnatrium schmilzt, durch 
dringt es das Calciumcarbonat und zersetzt sich mit demselben in Soda 
und Schwefelcalcium. Ist die Reduction des Sulfats beendigt und lässt 
die Kohlensäureentwickelung nach, so erhöht sich die Temperatur der 
Schmelze, und es beginnt dann die Zersetzung der überschüssigen 
Kreide durch die Kohle, wobei sich Kohlenoxyd entwickelt. Das Auf 
treten der Flammen dieses Gases ist das Kennzeichen der Beendigung 
der Reaction. 
Dies sind die wichtigsten Versuche in Betreff der Sodabildungs- 
frage; man sieht, dass die Acten über dieselbe noch nicht als geschlossen 
betrachtet werden können. 
Die früher erwähnte Arbeit Kolb’s 1 ) enthält noch eine Anzahl 
weiterer Versuche, welche weniger die eigentliche Theorie der Soda 
entstehung berühren, sondern mehr von praktischem Interesse sind. 
i) Kolb, Ami. Chim. Pliys. [4] VII, 118; Wagn. Jahresber. 1866, 149
	        
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