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Die Soda-Industrie.
und steckte dieselben sodann in eine grössere Masse geschmolzener
Rohsoda, welche soeben aus dem Ofen gezogen worden war. Die Tiegel
erlangten hierdurch noch fast vollständig die Temperatur, welche beim
Schmelzprocess im Grossen angewandt wird, und es waren sowohl die
Luft als auch die Feuergase abgeschlossen. Als nach dem Erkalten
der Inhalt der Tiegel ausgelaugt wurde, resultirte eine Soda von nor
maler Beschaffenheit. Bei einem weiteren Versuche wurden drei lieget,
von welchen der erste gewöhnliche Sodamischung, der zweite reine
Kreide, der dritte ein Gemenge von Kreide und Kohle enthielt, in der
Sodaschmelze erhitzt; es ergab sich, dass während in dem ersten Tiegel
die Rohsodabildung vollständig erfolgt war, in den beiden anderen keine
Veränderung stattgefunden hatte. Es ist also zur Zersetzung des
Calciumcarbonats selbst bei Gegenwart von Kohle eine höhere Tempe
ratur nöthig, als zur Reduction des Natriumsulfats zu Schwefelnatrium,
was nach Kolb nicht der Fall sein soll. Scheurer-Kestner nimmt
deshalb an, dass die Sodabildung auf Kosten der Kohlensäure der Kreide
stattfinde. Ersetzt man die letztere durch gebrannten Kalk oder Kalk
hydrat, so lasst sich, wie er fand, dennoch im geschlossenen Tiegel eine
Soda erzeugen, welche ganz frei von Aetznatron ist, es muss also in
diesem Falle der Kalk die bei der Reduction des Natriumsulfats ent
stehende Kohlensäure binden. Scheurer-Kestner beharrt demnach
bei seiner früheren Erklärung des Zersetzungsprocesses und denkt sich
die Vorgänge, welche im Sodaflammofen, dessen Beschickung immer
eine mehrere Centimeter hohe Schicht auf der Sohle bildet, stattfinden,
in folgender Weise: Die Reduction beginnt in den zunächst am stärksten
erhitzten oberen Schichten, es entsteht Schwefelnatrium und zum Theil
Aetzkalk. Wird umgekrückt, so nimmt der letztere wieder Kohlen
säure auf, welche in den tieferen Schichten durch die Reduction des
Natriumsulfats entsteht. Sowie das Schwefelnatrium schmilzt, durch
dringt es das Calciumcarbonat und zersetzt sich mit demselben in Soda
und Schwefelcalcium. Ist die Reduction des Sulfats beendigt und lässt
die Kohlensäureentwickelung nach, so erhöht sich die Temperatur der
Schmelze, und es beginnt dann die Zersetzung der überschüssigen
Kreide durch die Kohle, wobei sich Kohlenoxyd entwickelt. Das Auf
treten der Flammen dieses Gases ist das Kennzeichen der Beendigung
der Reaction.
Dies sind die wichtigsten Versuche in Betreff der Sodabildungs-
frage; man sieht, dass die Acten über dieselbe noch nicht als geschlossen
betrachtet werden können.
Die früher erwähnte Arbeit Kolb’s 1 ) enthält noch eine Anzahl
weiterer Versuche, welche weniger die eigentliche Theorie der Soda
entstehung berühren, sondern mehr von praktischem Interesse sind.
i) Kolb, Ami. Chim. Pliys. [4] VII, 118; Wagn. Jahresber. 1866, 149