Pflanzenfaser.
95
bilde. — Wir wissen aber durch die ausführlichen Untersuchungen
von H. v. Mo hl 1 ), dass die Kieselsäure zum Theil in der Zellhaut
selbst wie ein integrirender Theil ihres molecularen Baues aufgenom
men wird, ohne dass dadurch die Biegsamkeit, Dehnbarkeit und Quel-
lungsfähigkeit beeinträchtigt wird. Ausserdem haben directe Versuche
von Arendt und Knop 2 ) und von Sachs 8 ) den Nachweis geliefert,
dass sich mit Hilfe der Wassercultur ganz normal gebildete Gräser,
wie Mais, Weizen, Gerste und Hafer, ziehen lassen, deren Aschen nicht
ein Procent Kieselsäure enthalten.
Lawes & Gilbert (Privatmittheilung) haben die Beobachtung
gemacht, dass gut gereiftes Stroh, in welchem also die Verholzung und
die damit gleichen Schritt haltende Zunahme der Starrheit der Stroh
substanz das Maximum erreicht hat, sogar weniger Kieselsäure als un
reifes Stroh enthält.
Versuche des Verfassers haben ergeben, dass noch grünes Stroh
trotz des Mehrgehaltes an Kieselsäure durch die übliche Behandlungs
weise leichter aufgeschlossen wird als ganz reifes. Ferner zeigte eine
Quantität Weizenstroh, welches acht Tage mit massig verdünnter kal
ter Fluorwasserstoffsäure in Berührung war, nach vollständigem Aus
waschen nicht die geringste Veränderung oder Neigung sich zu zer
fasern. Der Einwirkung verdünnter Alkalien gegenüber verhielt sich
das so behandelte Stroh genau wie das ursprüngliche, obgleich alle
Kieselsäure aus demselben entfernt war. Ausser einer Spur Eisenoxyd
enthielt dasselbe keine mineralischen Bestandtheile mehr.
Ein weiterer Beweis dafür, dass die Kieselsäure nicht als Bindemittel
der Stroh zellen angesehen werden kann, ergiebt sich aus dem Verhalten
der Strohsubstanz gegen die F. Schulz’sche Mischung (von Salpeter
säure und chlorsaurem Kalium), gegen feuchtes Chlor, Bromwasser und
gegen verdünnte Chromsäure, denn diese Reagentien bewirken die Iso-
lirung der Zellen mit grosser Leichtigkeit, ohne dass die Kieselsäure
entfernt wird. Aber selbst durch abwechselnde Behandlung der Stroh
substanz mit sehr verdünnter Chlorkalklösung und warmem verdünntem
Ammoniak lässt sich die vollständige Zerfaserung bewerkstelligen.
Die Thatsache, dass sich dem Stroh durch einfaches Auskochen
mit Wasser beinahe ein Drittel des ganzen Kieselsäuregehalts entziehen
lässt, spricht schon dafür, dass die Kieselsäure in einer sehr löslichen
Form im Stroh enthalten ist, und daher die Entfernung derselben (wenn
dies wirklich die Aufgabe des Strohstoffprocesses wäre) keine Schwie
rigkeit verursachen kann.
Ueber die aus den verschiedenen Stroharten fabrikmässig erziel-
fl V. Mohl, Sachs’ Handb. d. Exper, Phys. d. Pflanzen 1865, 152.
2 ) Knop, Lehrb. d. Agriculturchem. 219. 3 ) Sachs, Handb. d. Exper.
Phys. d. Pflanzen 150.