Pflanzenfaser. 99
Es ist hier vielleicht am Orte, daran zu erinnern, dass das Stroh
zur Zeit der Samenreife sehr schnell seine relative Zusammensetzung
ändert und zwar unabhängig von der Keife der Samen selbst. Das
kurz vor gänzlicher Keife geerntete Stroh enthält ungleich mehr in
Wasser lösliche Substanzen und in demselben Grade, in welchem das-
selbe aus diesem Grunde als Futtermaterial den Vorzug verdient, wird
es für die Papierfabrikation weniger ergiebig sein.
Nach Wheeler 1 ) lässt sich auch das Rapsstroh mit Vortheil auf
Papierfaser verarbeiten, doch ist bis jetzt nichts darüber bekannt ge
worden, ob dieses Material irgendwo für diesen Zweck Verwendung
gefunden hat.
Esparto, Haifa oder Alfa.
Diese Grasart, welche an der mittelländischen Meeresküste von
Spanien und an der Nordküste von Afrika, von Aegypten bis Mogador
einheimisch ist, wurde schon seit den ältesten Zeiten seiner Zähigkeit
halber zur Herstellung von Matten, Tauen und Flechtwerk benutzt und
als eine Pflanze von grosser Wichtigkeit häufig von römischen Schrift
stellern unter dem Namen Spartium erwähnt 2 ). In der spanischen
Volkssprache wird dasselbe atocha oder raigon, in Afrika Haifa oder
■Alfa genannt 3 ).
Finne benannte die Pflanze Stipa tenacissima, in neuerer Zeit
wird sie aber gewöhnlich als Macrocliloa tenacissima 4 ) aufgeführt.
Das im Handel vorkommende Esparto besteht aus den langen und
dünnen Blättern der Pflanze. Im jugendlichen Zustand sind dieselben
flach, bei weiterer Entwickelung legen oder rollen sich aber die beiden
Hälften des Blattes so fest und vollkommen aneinander, dass sie beson
ders im trockenen Zustand eine cylindrische, drahtförmige oder binsen
artige Form annehmen, welche hei oberflächlicher Beobachtung keine
Aehnlichkeit mit einem Grasblatt erkennen lässt.
Nur an der Basis, wo das Blatt am Stamme angewachsen war,
bleibt ein kurzes Stück als sehr schmales, aber dickes Blatt erhalten.
Durch Biegen des zusammengerollten Blattes, besonders im feuchten
') Wheeler, Verhdl. d. niederösterr. Gewerbev. 1859, 398; Wagn. Jahresber.
1859, 552. 2 ) Nicht zu verwechseln mit Spartium junceum, welches schon
zu Homer’s Zeiten zu Schiffsseilen und Flechtwerk benutzt wurde. Leunis,
Botanik. Horatius (Epodes IV). Livius (XXII). Plinius (Hist. Nat. XI, 8).
8 ) R. Johnston, Journ: Soc. Arts. 1871, 96. J. Barse, Centralbl. f. deutsch.
Papierfabr. 1864, 69. Report of the Commiss. of Agricult. Washington 1868.
In diesem ausführlichen Berichte über Esparto wird unter Anderem erwähnt,
dass sich eine ganz ähnliche Pflanze in grosser Menge in New Mexico findet.
Ber. d. deutsch. Consul. in Tunis. Wagn. Jahresber. 1872. 4 ) Kunth,
Enumeratio Plant. Vol. I, part. I, 179.