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Gruppe III. Chemische Industrie.
der „blaue“ Theil aus derselben, z. B. durch Zersetzung mittelst Fäul-
nisshefe (Stehenlassea der Lösung an der Luft), so fällt nun der an
dere heraus, während die Lösung klar bleibt, wenn man die Fäulniss
ausschliesst. Durch erneutes Kochen mit Wasser bildet sieh aus der
„gelben“ wieder eine gewisse Menge „blaue“ Modification, welche im
Stande ist, auch von der „gelben“ unverändert mit in Lösung zu neh
men. Wird die Substanz rasch aus der Lösung ausgeschieden, z. B.
durch Gefrierenlassen oder durch Fällungsmittel (Alkohol, Gerbsäure etc.),
so werden alle Modificationen gefällt. Man hat ein Gemenge wie in
der ursprünglichen Stärke, welches sich entsprechend mit Jod nun
blau färbt.
Die verschiedenen Stärkearten unterscheiden sich durch verschie
dene Mischungsverhältnisse der genannten Modificationen. Kartoffel
stärke enthält viel von der „blauen“ und noch mehr von der „gelben“,
dagegen nur wenig von den Uebergangsstufen. Weizenstärke enthält
weniger „gelbe“ und keine oder fast keine „blaue“ Substanz, dagegen
sehr viel „violette“ oder „rothviolette“. Durch Kochen mit Wasser
entsteht jedoch auch hier die blaue Modification. Länger gekochter
Weizenstärkekleister färbt sich rein blau, nicht wie das ursprüngliche
Stärkemehl violett.
Bei der Behandlung des Stärkemehls mit Säuren in der Kälte
bleibt, wie oben angegeben, der „gelbe“ Theil ungelöst zurück. Man
sollte nun erwarten, dass daraus durch Kochen mit Wasser eine Stärke
lösung, wie die eben beschriebene, erhalten werde. Dies ist aber, we
nigstens bei einer Dauer der Einwirkung, wie der Verfasser sie an
wendete, nicht der Fall. Die Substanz ist jetzt verändert. Beim
Kochen mit Wasser löst sich der grösste Theil davon auf. Diese Lö
sung färbt sich nun aber mit reinem Jod nicht blau, sondern violett,
auf Zusatz von überschüssiger Jodlösung nicht grün, sondern roth.
Während Stärkelösung durch Abdampfen oder Gefrieren Ausscheidun
gen giebt, welche durch Jod blau gefärbt werden, und welche nie Dop
pelbrechung, also mit dem Polarisationsmikroskop keine Farben zeigen,
giebt unsere neue Lösung krystallinische Ausscheidungen, welche sich
mit Jod nicht oder sehr schwach gelb färben.
Diese krystallisirbare Substanz ist das Amylodextrin. Sie zeigte
nach Abzug der Asche (O'l p. C.) die Formel C 36 H 6ä O ;1 i. Die auf irgend
welche Weise ausgeschiedene Substanz färbt sich durch Jod nur schwach
gelblich, in Lösung dagegen zuerst violett, nachher roth, woraus er
sichtlich ist, dass wir es auch hier mit zwei Modificationen zu thun
haben. Der Verfasser hat auch in der That zwei solche getrennt er
halten, und zwar durch partielles Fällen der mit Jod gefärbten Lö
sung durch essigsaures Natrium. Beide krystallisiren für sich wie das
Gemisch; die Lösung der einen färbt sich violett, die der anderen roth.
Die erstere hat zu Jod grössere Verwandtschaft, jedoch natürlich eine