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MAK

Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

222

Gruppe  III.  Chemische  Industrie.
Fortpflanzung  durch  Knospung,  wie  dieselbe  von  Cagniard  de  Latour,
Schwann,  Turpin  und  Mitscherlich  beobachtet  ist,  darf  als  so  bekannt ­
  angesehen  werden,  dass  dieselbe  nicht  weiter  beschrieben  zu  werden ­
  braucht;  dagegen  ist  hier  hervorzuheben,  dass  von  Rees  ausser  der
Fortpflanzung  durch  Knospung  eine  andere  —  wohl  als  geschlechtliche
zu  bezeichnende  —  Art  der  Fortpflanzung  beobachtet  ist.
Wenn  man  unter  sehr  lebhaftem  Luftzutritt,  d.  h.  in  sehr  dünner ­
  Schicht,  breiige  Bierhefe  *)  auf  Scheiben  von  zuckerarmen  Medien,
wie  Mohrrübe  oder  Kartoffeln,  in  feuchtwarmer  Umgebung  cultivirt,
so  pflanzt  sich  die  Hefe  zuerst  zwar  noch  durch  Knospung  fort,  nach
einigen  Tagen  vollzieht  sich  jedoch  ein  Generationswechsel;  die  Hefekügelchen ­
  schwellen  zunächst  stark  an,  die  mit  durchsichtiger  Flüssigkeit ­
  erfüllten  „Vacuolen“  verschwinden,  das  Protoplasma  nimmt  eine
schaumartige  Beschaffenheit  an;  nach  einigen  Tagen  zeichnen  sich  zwei  bis
vier  dichtere  Massen  in  dem  Protoplasma  ab,  umkleiden  sich  miteiner  Membran, ­
  welche  sich  immer  mehr  verdickt,  während  die  Membran  der  Mutterzelle ­
  allmälig  mehr  und  mehr  resorbirt  wird.  Wenn  die  Tochterzellen
in  ein  zu  ihrer  Entwickelung  passendes  Medium  gebracht  werden,  so
pflanzen  sie  sich  nun  ihrerseits  wieder  durch  Knospung  fort,  ebenso  wie  die
ursprüngliche  Bierhefe,  aus  der  sie  entstanden  sind.  Man  nennt  diese
Fortpflanzungsart  die  Vervielfältigung  durch  „Ascosporen“  (Ascus
—  Schlauch,  Mutterzelle  ;Ascosporen  =  Sohlauchsporen,  Tochterzelle),
die  Pilze,  welche  eine  solche  Fortpflanzungsart  zeigen,  „Ascomyeeten“.
Unter  den  normalen  Verhältnissen  derGährung  in  Brauereien  und
Brennereien  findet  übrigens  die  Fortpflanzung  durch  Ascosporen
nicht  statt,  da  sich  dieselbe  auf  zuckerarme  Medien  bei  sehr  lebhaftem
Luftzutritt  zu  beschränken  scheint,  dagegen  beobachtete  Reess  dieselbe ­
  an  Hefemassen,  welche  in  feuchtem  Zustande  und  mit  Luft  in
Berührung  aufbewahrt  werden,  ebenso  wie  an  Hefe,  welche  bei  Seite
geworfen  zufällig  vor  Fäulniss  und  Schimmelbildung  bewahrt  geblieben ­
  war.  Eine  directe  praktische  Seite  hat  daher  die  Reess’sche
Entdeckung,  welche  natürlich  von  dem  höchsten  theoretischen  Interesse
ist,  für  die  Praxis  der  Spiritusfabrikation  augenblicklich  nicht,  dagegen
darf  es  als  nicht  unmöglich  bezeichnet  werden,  dass  die  Fortpflanzung
durch  Ascosporen  vielleicht  gelegentlich  zu  benutzen  sei,  um  eine
vollkommene  Reinzüchtung  einer  neuen  Hefegeneration  zu
erreichen.  Jedenfalls  muss  jede  neue  Beobachtung  über  das  Leben
und  die  Fortpflanzung  der  Hefe  im  Interesse  der  Gährungsgewerbe,
welche  noch  so  sehr  im  Argen  liegen,  hochwillkommen  geheissen  werden. ­
  Sache  der  Praxis  muss  es  sein,  diese  Beobachtungen  zu  verwerthen.

Auch  die  Frage  der  Idendität  von  Uberhefe  und  Unterhefe  ist

*)  Unterliefe.
            
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