Spiritusfabrikation. 223
von Eeess in den Bereich seiner Untersuchungen gezogen. Man hatte
bekanntlich nach dem Vorgänge von Cagniard de Latour, Turpin
und Mitscherlich angenommen, dass die bei niederer Temperatur,
4 bis 12° C., sich entwickelnde, an dem Boden der Gährgefässe blei
bende Unterhefe von der bei höherer Temperatur sich entwickelnden,
durch die lebhafte Kohlensäurebildung an die Oberfläche der Gähr-
flüssigkeiten gehobenen Oberhefe morphologisch verschieden sei, und
es ist allerdings nicht zu bestreiten, dass sprossende Oberhefe und Unter
hefe ein sehr verschiedenes Bild abgeben. Die Oberhefe bildet län
gere Zeit aneinanderhaftende „Sprossverbände“, während die Kü
gelchen der Unterhefe weit weniger zahlreich solche Sprossverbände
erzeugen.
Von Pasteur war dagegen die einfache Identität von Oberhefe
und Unterhefe behauptet, und die Verschiedenheit der Entwickelung
lediglich der bei höherer Temperatur kräftiger stattfindenden Ernäh
rung zugeschrieben und behauptet, es lasse sich Oberhefe leicht in
Unterhefe und umgekehrt verwandeln nur dadurch, dass man sie in
die entsprechenden Temperatur- und Ernährungsverhältnisse bringe.
So einfach scheint indessen nach den Untersuchungen von Beess
die Sache doch nicht zu liegen. Allerdings passten sich Oberhefe
und Unterhefe bei den bezüglichen Untersuchungen den betreffenden
Verhältnissen in einem gewissen Maasse schnell an, indem bei höherer
Temperatur in obergährigen Flüssigkeiten die Unterhefe bald zu einer
lebhaften Sprossung neigte, aber es gelang doch nicht, während der
Dauer der Reess’schen Versuche die Unterschiede ganz zu verwischen.
Reess glaubt daher, dass in derThat Oberhefe und Unterhefe die
selbe Abstammung haben, aber dass sie sich durch zahlreiche Gene
rationen hindurch den betreffenden Verhältnissen so angepasst
haben, dass die jetzt existirenden Unterschiede nicht durch
kurze Cultur verschwinden können.
Für die Gährungstechnik ist es ferner von höchstem Interesse, dass
Reess bei seinen Untersuchungen über die Hefepilze stets noch fremde
niedere Organismen vorfand, welche zweifellos zu ihrer Ernährung
Zucker verbrauchen, denselben aber in einer anderen Richtung zersetzen.
Dahin gehört das Milchsäureferment, welches allerdings bei der Kunst
hefebereitung künstlich erzeugt wird, um ein Medium von dem wün
schenswerten Säuregrade herzustellen, ausserdem aber sicherlich noch
zahlreiche andere Fermente, über deren Natur man noch vollkommen
im Unklaren ist, welche dahin wirken, dass ein sehr wesentlicher Theil
des Zuckers sich der Spaltung in Alkohol und Kohlensäure entzieht.
Der Verfasser dieses Berichtes hält sich wenigstens für berechtigt, eine
solche Annahme zu machen, da unter den Verhältnissen der Praxis die
„Reinlichkeit der Gährung“, d. h. die relative Menge des wirk
lich in Alkohol und Kohlensäure verwandelten Zuckers meistens eine