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Gruppe III. Chemische Industrie.
Vennittelung einAlbuminat und Zucker in der Flüssigkeit, worin sich
der Hefepilz entwickelt, zu der eigenthümlichen Verbindung, oder, wenn
man will, in der losen Form vorübergehend zusammentreten können,
in welcher allein sie als Bestandtheile des Pilzes eine Wirkung auf den
Zucker äussern; wenn der Pilz nicht mehr wächst, so löst sich das
Band, welches die Bestandtheile des Zellinhaltes zusammenhält, und
es ist die in demselben eingetretene Bewegung, wodurch die
Hefezellen eine Verschiebung oder Spaltung der Elemente des Zuckers
und anderer organischen Molecule bewirken.
Wir kennen eine grosse Anzahl von organischen Verbindungen,
welche eine ganz ähnliche Verschiebung oder Spaltung in ihren Mole-
culen erleiden, wie der Zucker in Berührung mit Hefe, „ohne Mitwir
kung einer vitalen Thätigkeit.“
Soweit Liebig’s eigene Worte, so klar und präcise, dass sie
keiner weiteren Umschreibung bedürfen. Die Hefe als Pflanze dient
in ihrer Organisation nur dazu, den Stoff zu erzeugen, welcher unab
hängig von der Lebensthätigkeit der Hefe und erst, wenn die Func
tionen derselben aufhören, als ein Ferment durch Eingehen einer
vorübergehenden losen Verbindung mit dem Zucker die Gährung er
zeugt.
Wachsthum und Organisation der Hefe einerseits und
Erregung von Gährung andererseits sind zwei Processe,
welche streng von einander gehalten werden müssen, der
letztere Vorgang beginnt erstmit demAufhören des ersteren.
Wie schon oben erwähnt, hat Liebig’s neuere Gährungstheorie
in der vorstehenden Form zunächst nicht die Würdigung gefunden,
welche sie wohl verdient, weil man noch zu sehr unter dem Eindrücke
der so zahlreichen neuen Entdeckungen, mit welchen Pasteur die
Gährungschemie bereichert hatte, stand, und man in Folge dessen die
Erklärung, welche derselbe für die Gährungserscheinungen gab, einfach
acceptirte.
Erst in allerneuester Zeit kommt man auf Liebig’s Theorie —
Gährung und Organisation der Hefe sind durchaus zu trennen — zu
rück, veranlasst durch eine Untersuchung von Brefeld 1 ), der von
botanischer Seite der Gährungsfrage näher getreten ist. Mit dem Re
ferat über die Arbeit von Brefeld sind wir bereits dem Schlüsse die
ses Berichtes nahe gekommen; an die Untersuchungen Brefeld’s
reihen sich ausserdem nur noch eine Anzahl Mittheilungen von ande
rer Seite, welche zum Theil das Resultat der Brefeld’schen Arbeit
heftig bekämpfen.
*) Brefeld, Untersuchungen über die Alkoholgährung. Mit-
theil. d. pliysik. med. Gesellsch. zu Würzburg. Landwirthsch. Jahrb. 1874,65.