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Full text: Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

Spiritusfabrikation. 231 
zum fünften Aufguss, wo kaum noch Gährung eintrat, aber die Hefe- 
kügelehen aucb fast sämmtlich abgestorben waren. 
Brefeld scliliesst aus diesen Versuchen, welche er mehrfach wie 
derholt hat, dass die Hefe Gährung erregen kann, auch 
wenn sie nichtwächst, aber dass es die lebende Hefezelle ist, 
welche Gährung erregt, und dass die Lebensenergie mit der 
Länge der Gährung nachlässt und die fortgährende Hefe 
schliesslich ab stirbt. Die Gährung wäre demnach ein pathologi 
scher Vorgang, der Ausdruck eines abnormalen unvollkom 
menen Lebensprocesses, welcher aber aufhört mit dem Tode 
der Hefe. Der dritte Theil der Brefeld’schen Untersuchung musste 
endlich die Frage zu entscheiden suchen: 
Kann Hefe wachsen ohne dabei Gährung zu erregen? 
Nach zahlreichen misslungenen Versuchen, in Lösungen von reinen 
Nährstoffen Wachsthum der Hefe ohne jede Gährung zu erzeugen, ahmte 
Brefeld die Verhältnisse der Praxis, ausgehend von der Beobachtung, 
dass in Most und Bierwürze das Wachsthum der Hefe eine geraume Zeit 
dauert, bevor Gährung eintritt, nach, indem er als Nährlösung der Hefe 
klar filtrirte Bierwürze anwandte und in derselben die Aussaat einer 
minimalen Hefemenge vollzog; im warmen Zimmer trat nun eine ausser 
ordentlich lebhafte Sprossung und Vermehrung der Hefe ein; Abends wurde 
das Gefäss mit der Bierwürze in eine Temperatur von nahezu 0° ge 
bracht, bei welcher Temperatur eine Gährung nicht mehr eintritt, um 
die neugebildete Hefe zum Absetzen zu bringen — dasselbe war bis 
zum folgenden Morgen fast vollkommen geschehen; die über dem Hefe 
absatz stehende Flüssigkeit wurde sodann in einen neuen Kolben mit 
telst eines Hebers abgezogen, wiederum in den warmen Kaum zurück 
gebracht; es trat hier, da eine geringe Monge von Hefe durch den Heber 
in das neue Gefäss mit übergegangen war, von Neuem lebhafte Sprossung 
ein, darauf wurde wieder abgekühlt und so häufig fort. Auf diese Weise 
gelang es leicht, eine grosse Menge von Hefe zu gewinnen, ohne dass 
Gährung sichtbar wurde; die am Schlüsse der Versuche abdestillirte 
Würze enthielt auch nicht eine Spur von Alkohol. 
Hiernach kann kein Zweifel mehr existiren, dass die 
Hefe wächst und sich vermehrt ohne Gährung zu erregen, 
und dass Pasteur’s gegenteilige Behauptung eine vollkom 
men irrige ist. 
Ein Widerspruch liegt jedoch offenbar in den im Vorstehenden 
ausgesprochenen Sätzen: „Wenn nur diejenige Hefe Gährung erregt, 
welche nicht wächst, und wenn andererseits die Hefe wächst, ohne Gäh 
rung zu erregen, wie kommt es, dass so häufig in den Verhältnissen der 
Praxis in Gefässen, welche mit grosser Oberfläche dem Luftzutritt aus 
gesetzt sind, die Hefe sich um das 12- bis 20fache vermehrt und doch 
gleichzeitig stürmische Gährung erregt?“
	        
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