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Full text : Chemische Industrie, Wiener Weltausstellung Heft 21

232

Gruppe  III.  Chemische  Industrie.
Br  efeld  fühlt  diese  Lücke  in  seiner  Arbeit  sehr  wohl  heraus  und  widmet ­
  derselben  ausführliche  Erörterungen,  welche  ungefähr  darauf  hinauskommen, ­
  dass  allerdings,  so  lange  disponibler  Sauerstoff  in  der  ganzen
Flüssigkeit  vorhanden  sei,  der  grösste  Theil  der  Vermehrung  der  Hefe
eintreten  müsse,  dass  aber  eine  weitere  langsamere  Vermehrung  neben
gleichzeitiger  Gährung  durchaus  nicht  ausgeschlossen  werden  könne,
da  die  Hefe  an  den  Stellen  der  Flüssigkeit,  wo  der  Sauerstoff  aufgezehrt
sei,  aufhöre  zu  wachsen  und  dafür  Gährung  errege,  an  der  Oberfläche
der  Flüssigkeit  jedoch  ,  wo  die  Luft  ungehindert  zutreten  könne,  nach
Maassgabe  der  Sauerstoffzufuhr  fortfahre  zu  wachsen.  Anfangs  finde
nur  Wachsthum  statt,  mit  dem  Ausgehen  des  Sauerstoffs  trete  Gährung
ein,  und  Wachsthum  finde  nur  mehr  an  der  Oberfläche  in  unbedeutendem ­
  Grade  statt,  wo  eben  neuer  Sauerstoff  hingelange.  Br  efeld
weist  es  sogar  nicht  vollständig  von  der  Hand,  dass  in  derselben
Zelle  beide  Vorgänge  möglicherweise  zu  Zeiten  neben  einander  verlaufen
  könnten.
In  einer  neueren  Arbeit*)  hat  Br  efeld  seine  Beobachtungen  über
die  Alkoholgährung  erweitert,  indem  er  specieller  die  durch  Mucorarten
erregte  Gährung  studirte;  aus  der  Arbeit  mag  nur  hervorgehoben  werden, ­
  dass  die  vergährende  Kraft  sich  bei  Mucor  racemosus  am  grössten
erwies  und  dass  dieselbe  von  da  ab  nach  den  höchsten,  verzweigten
Formen  zu  stetig  abnahm,  aber  auch  schon  beim  Mucor  racemosus
war  dieselbe  erheblich  geringer  als  bei  der  gewöhnlichen  Hefe  (cfr.  hierzu
die  Untersuchung  von  Fitz  S.  225).  Ob  es  ein  glücklicher  Gedanke
genannt  zu  werden  verdient,  wenn  Brefeld  in  derselben  Arbeit  die
Gährung  als  eine  Anpassungserscheinung  bezeichnet,  welche  von
den  Pilzen  ,  die  zu  ihrem  Wachsthum  auf  den  Sauerstoff  der  Luft  angewiesen ­
  sind,  ausgeübt  werde,  um  aus  der  Flüssigkeit,  in  welcher  sie
aus  Mangel  an  Sauerstoff  nicht  wachsen  können,  durch  den  Auftrieb
der  sich  entwickelnden  Kohlensäure  an  die  Oberfläche  gehoben  zu  werden, ­
  muss  dahingestellt  bleiben,  wenngleich  eine  solche  Erklärung  als
äusserste  Consequenz  der  Theorie  der  Anpassungserscheinungen  selbstverständlich ­
  nicht  vollkommen  von  der  Hand  zu  weisen  ist,  jedenfalls
ist  für  die  näherliegende  Ursache  der  Gährung  durch  obige  Erklärung
auch  nicht  das  Geringste  gewonnen.
Jedoch  sei  dem,  wie  ihm  wolle,  bestätigen  sich  die  Eesultate  der
Br  efeld’sehen  Untersuchungen,  so  liegt  in  denselben  ein  einfaches
Zurückgehen  auf  die  Anschauung,  welche  J.  von  Liebig  in  seiner
Untersuchung  „Ueber  Gährung  und  Quelle  der  Muskelkraft“
ausgesprochen  hat:  „Wachsthum  des  Hefepilzes  und  Erregung  von
Gährung  sind  zwei  Vorgänge,  welche  streng  von  einander  zu  halten

l )  Verhandlungen  der  Würzb.  medioin.  physikal.  Gesellsch,  N.  I 1 .  VIII,
1874,
            
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