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Gruppe III. Chemische Iudustrie.
Wenn unverletzte Theile von Früchten, die ein gewisses
selbständiges Ganze bilden, etwa Abtheilungen von Apfelsinen, ebenso
behandelt werden, so geschieht das Gleiche.
Wenn zerquetschte Früchte, welche aber noch einige un
verletzte Zellen enthalten, ebenso behandelt werden, so tritt schwache
Gährung ein.
Fruchtsaft von Weintrauben und Apfelsinen, welcher vollkommen
frei von unverletzten Zellen war, geht unter obengenannten Verhält
nissen nicht im mindesten in Gährung über.
Traube hält nach diesen Versuchen die Gährung für die Wirkung
eines Fermentes, welches durch das Wachsthum der Hefe gebildet
werde; dieses Ferment komme wahrscheinlich im Protoplasma von
sämmtlichen Pflanzen J ), auch der höheren, vor, errege jedoch nur
Gährung bei S a u er st off ab s chlus s und in den unverletzten
Zellen; dass man das alkoholbildende Ferment noch nicht habe isoli-
ren können, sei kein Beweis gegen seine Existenz, da man kein Mittel
kenne, dasselbe aus den Zellen unverändert zu gewinnen, denn beim
Auspressen des Zellsaftes fänden nicht nur mechanische Veränderungen,
sondern auch chemische Eingriffe, Coaguliren von Eiweissstoffen etc.
statt, so dass ausgepresster und in der Zelle enthaltener Saft durchaus
nicht zu identificiren sei und es nicht Wunder nehmen könne, dass aus
gepresster Zellsaft keine Selbstgährung erleide.
Das Ferment oxydire bei Zutritt der Luft den Zucker, indem es
freien Sauerstoff auf denselben übertrage, bei Sauerstoffabschluss zer
setze es ihn, indem es Sauerstoff aus der einen Atomgruppe des Zucker-
moleculs aufnehme, an die andere abgebe und letztere dadurch zu Kohlen
säure oxydire. Der freie Sauerstoff wirke bei der Gährung nur dadurch
beschleunigend, dass er das Wachsthum der Hefe begünstige und damit
eine vermehrte Production des Fermentes herbeiführe.
Der Traube’ sehen Ansicht über die Gährungserscheinungen kann,
wie sie die Gährung durch Hefe und die Selbstgährung der Früchte
durch eine gemeinsame Erklärung umfasst, eine gewisse Eleganz in der
That nicht abgesprochen werden.
Jedoch wir müssen nochmals auf die Brefeld’sehen Unter-
1 ) Wenn Schumann in einem einzigen Versuche durch Protoplasma
(Didymiano luecopus) keine Gährung erregen sah, so beweist dieses gegen
die Traube’sche Theorie selbstverständlich gar nichts. (Ber. chem. Ges.
VIII, 44.)
Wenn sämmtliche Pflanzen bei Abschluss von Luft auf die oben beschrie
bene Weise Gährung erregen können, so ist die sogenannte Selbstgährung
der Hefe, welche zuerst von Pasteur beobachtet ist, selbstverständlich auf
denselben Gesichtspunkt zurückzuführen und diese Erscheinung bedarf aus
diesem Grunde nun nicht mehr einer gekünstelten Erklärung, wie dieselbe
von Pasteur versucht ist.
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