240 Gruppe III. Chemische Industrie.
saure Maischen regelmässig eine schlechte Vergährung zeigten, darin,
dass Alkoholhefe und Milchsäurehefe , beide auf dieselben Nahrungs
mittel, Zucker, Eiweissstoffe, Salze, angewiesen, in den Maischen
gewissermaassen einen Kampf ums Dasein zu führen hätten, in welchem
die „kräftigere“ Milchsäurehefe unter den für ihre Entwickelung
günstigen Verhältnissen, hoher Temperatur, den Sieg davon trüge und
die Alkoholhefe unterdrückte. Vorstehende Erklärung dürfte kaum
noch haltbar sein, seit man weiss, dass Milchsäure die Wirkung der
Diastase zu beeinträchtigen und selbst ganz aufzuheben vermag.
Dui'ch Einwirkung der Diastase beim Verzuckerungsprocess wird näm
lich die Stärke nur zum Theil in gährungsfähigen Zucker verwandelt,
ein Theil aber nur zu Dextrin gelöst. Letzterer muss nun, um der
Gährung anheimzufallen, erst in Zucker übergeführt sein, und dieses
geschieht, sobald ein Theil Zucker durch die Gährung zerstört ist,
durch die Nachwirkung der Diastase. Wenn daher durch die Gegen
wart der Milchsäure die Nachwirkung der Diastase verhindert wird, so
kann es nicht Wunder nehmen, dass die Gährung unvollkommen ver
läuft x ).
Da die Milchsäurehefe sich in grossen Mengen in der Luft vorfindet
und durch dieselbe in die Maische gelangt, so ist jedes Verfahren als
rationell zu bezeichnen, welches die Maische beim Kühlen möglichst
kurze Zeit mit möglichst geringen Mengen von Luft in Berührung
lässt. Als ideal ist in dieser Beziehung die Kühlung in dem später zu
beschreibenden Boh m ’ sehen Apparat zu bezeichnen; nächst diesem be
wirkt der Nägeli’sche Röhrenkühler den besten Luftabschluss von
der Maische.
Jede Spur von hängenbleibenden Maischresten enthält das Milch
säureferment in Myriaden und überträgt dasselbe auf spätere Maischun
gen ; grösste Reinlichkeit ist daher das beste Mittel gegen die Vermeh
rung der Säure; Auskälken der Gährgefässe tödtet die Milchsäurehefe
und stört die Säuerung.
Die Milchsäurehefe haftet ferner an dem zum Einmaischen dienen
den Getreide und ist in dem Staube desselben in grossen Mengen ent
halten. Befreien des einzumaischenden Roggens und auch der zur
Malzbereitung bestimmten Gerste vom Staube ist daher rathsam.
Da die Milchsäurehefe sich am lebhaftesten bei einer Temperatur
von 30 bis 50 0 0. entwickelt, so muss es Aufgabe einer rationell ge
leiteten Kühlung sein, die Maische über diese gefährliche Temperatur
möglichst schnell hinweg zu bringen; da dieses im Winter leichter zu
erreichen ist, wie im Sommer, so ist es erklärlich, dass die Maischen
im Sommer mehr zur Säuerung neigen, als im Winter.
!) Märcker, Zeitschr. d. Vereins f. Spiritusfabrikation 1874; Schultze,
Dingl. pol. J. CXC, 141.